Diesen Monat in der Artikelreihe über meine ersten 25 Jahre im Übersetzergeschäft möchte ich von einer ganz besonderen Begegnung erzählen. Es war die erste Begegnung mit der deutschen Sprache – einer Sprache, die die mein Schicksal komplett verändert hat. Immer wieder höre ich als gebürtiger Brasilianer und Übersetzer: Warum Deutsch? Hier antworte ich auf diese Frage.
Inhaltsverzeichnis
Schwierige Entscheidung: Welche zweite Fremdsprache?
Im letzten Jahr meiner Ausbildung zum Übersetzer für Englisch-Portugiesisch an einem brasilianischen Internat bestand die Möglichkeit, eine zweite Fremdsprache zu lernen, jedoch nicht als Bestandteil der Übersetzerausbildung, sondern nur als Ergänzung. Ich war mir unsicher, ob ich vielleicht Spanisch oder Französisch auswählen sollte, die Entscheidung habe ich immer wieder verschoben. Dann kamen die letzten Sommerferien und ich ging nach Hause.
Bei einem brasilianischen Fernsehsender gab es damals einmal die Woche am späten Abend eine Sendung, in der Filme in Originalsprache mit Untertiteln gezeigt wurden. Ich kannte die Sendung bereits und habe mir oft klassische Filme in englischer oder französischer Sprache angeschaut. An einem Montagabend irgendwann mitten im Sommer gab es zufällig einen „deutschen“ Film: Mephisto (1981). Ich schaue ihn mir einfach an, dachte ich.
Der Film Mephisto
Zum Film: Es handelt sich um die Verfilmung des bekannten Romans Mephisto – Roman einer Karriere von Klaus Mann. Hauptdarsteller war der österreichische Schauspieler Klaus Maria Brandauer, er verkörperte einen Schauspieler der 1920er und 1930er Jahre, der zwischen seiner Kunst und dem Nationalsozialismus hin- und hergerissen war. Eigentlich eine Koproduktion von Deutschland, Österreich und Ungarn mit zum größten Teil ungarischen Schauspielern, war der Film Jahre zuvor mit dem Oscar für besten fremdsprachigen Film (Ungarn) ausgezeichnet worden. Die Ausgabe, die ich gesehen habe, wurde in deutscher Sprache gesprochen bzw. synchronisiert.
Es war das allererste Mal, dass ich die Sprache von Goethe und Schiller gehört habe. Musste leider im Zusammenhang mit Nazi-Deutschland sein. Aber vielleicht war es auch gut so, denn Nazi-Deutschland und die Auseinandersetzung mit der Geschichte gehören zum deutschen Dasein.
Als jemand, der brasilianisches Portugiesisch als Muttersprache hatte und Englisch als Fremdsprache konnte, fand ich Deutsch sehr ausdrucksvoll. Nicht schön – zumindest nicht damals. Gar nicht melodisch, wie man Italienisch oder Französisch nennen würde. Aber doch irgendwie unheimlich interessant und faszinierend.
Den Film und diese neue Sprache musste ich noch ein paar Tage verarbeiten. Danach war mir klar: Das ist die zweite Fremdsprache, die ich jetzt unbedingt lernen muss. Allerdings ging es mir damals nicht darum, Deutsch als zukünftige Arbeitssprache zu lernen, sondern einfach nur aus Spaß.
Zunächst Selbstlernen – mit Lehrbuch und Kassetten
Zurück im Internat habe ich erfahren, dass mein gewünschter Deutschunterricht nicht möglich war, es gab nämlich kein entsprechendes Personal. Aber zum Glück hatte die Schule sehr viel Material, womit ich die Sprache lernen konnte. Ich schaute mir das Angebot der Bibliothek an und wählte einen Deutschkurs mit Lehr- und Übungsbuch und dazugehörigen Kassetten aus. Der Kurs hatte ein sehr strenges Lernprogramm: Ich musste 4 Monate lang jeden Tag 15 Minuten im Selbststudium lernen bzw. üben. Das habe ich getan – ich war ja in einem Internat und hatte Zeit.
Das Goethe-Institut – mein zweites Zuhause
Ich weiß nicht mehr, welches Sprachniveau ich damit erreicht habe. Als ich Monate später in die Hauptstadt umzog, um dort mit meinem Übersetzerpraktikum anzufangen, ging ich zum hiesigen Goethe-Institut und habe mich dort testen lassen. Ergebnis: Die 15 Minuten Selbststudium 4 Monate lang waren genug, um das ganze erste Semester des Sprachkurses am Goethe-Institut zu überspringen, ich wurde also ins 2. Semester eingestuft. Später habe ich ein weiteres Semester übersprungen, nachdem ich das Zertifikat Deutsch als Fremdsprache mit der Note „sehr gut“ erworben habe.
Das Goethe-Institut Salvador (Instituto Cultural Brasil-Alemanha) – nicht nur eine Sprachschule, sondern auch ein wichtiger Knotenpunkt der hiesigen Kulturlandschaft seit 1962, insbesondere zur Zeit der Militärdiktatur in Brasilien – war von dem Zeitpunkt an 4 Jahre lang wie mein zweites Zuhause.
Sprachunterricht hatte ich abends zweimal die Woche. Da ich ganz in der Nähe vom Goethe-Institut wohnte, bin ich auch mal vorbeigekommen, um die Süddeutsche Zeitung oder den Spiegel zu lesen, Videos von Loriot anzuschauen oder Ausstellungen von Filmen von R. W. Fassbinder zu besuchen.
Jedes Semester bekam ich als Schüler mit den besten Noten in meiner Klasse ein Geschenk. Für den besten Schüler der Mittelstufe im jeweiligen Jahr gab es sogar ein ganz besonderes Geschenk: ein Stipendium für einen Sprachaufenthalt in Deutschland. Dieses habe ich im ersten Semester 1996 dann auch gewonnen. Davon werde ich im nächsten Artikel dieser Reihe erzählen.
