Im Winter 1996/97 kam ich als Stipendiat des Goethe-Instituts zum ersten Mal nach Deutschland für einen Sprachaufenthalt in Iserlohn (Sauerland). In diesem 3. Teil meiner Artikelreihe zum 25. Jubiläum im Übersetzer-Geschäft erzähle ich, was ich damals erlebt habe und wie der Sprachaufenthalt in Deutschland meine Zukunft als Übersetzer verändert hat.
Inhaltsverzeichnis
Warum einen Sprachaufenthalt in Deutschland absolvieren?
Im Frühling 1996 war ich bereits 3 Jahre lang Schüler des Goethe-Instituts Salvador-Bahia. Das Institut hat damals jedes Jahr dem besten Schüler des Jahres ein Stipendium für einen Aufenthalt in Deutschland vergeben. Als der Studiendirektor ins Unterrichtszimmer der Mittelstufe kam, hatte ich noch keine Ahnung, dass ich das Prämienstipendium erhalten würde. Er wollte offenbar die Leistungen der Kursteilnehmer persönlich beobachten.
Ich hatte davor alle Semester mit der Note „sehr gut“ abgeschossen und immer kleinere Geschenke für meine „besonderen“ Leistungen erhalten, aber mit einem geschenkten Aufenthalt in Deutschland habe ich wirklich nicht gerechnet. Ein paar Wochen später kam der Anruf mit der guten Nachricht. Ich war buchstäblich sprachlos!
Warum Iserlohn?
Mein Wunschort war Freiburg im Breisgau, dieser war aber für den von mir gewünschten Zeitraum ausgebucht. Iserlohn hatte noch Plätze frei, ist nicht zu weit weg von Düsseldorf und Köln – also warum nicht?
Nach dem Erhalt des Stipendiums hatte ich circa 6 Monate Zeit, um mich auf den Sprachaufenthalt in Deutschland vorzubereiten. Das Goethe-Institut Salvador-Bahia hatte eine hervorragende Mediathek, deshalb war ich fast jeden Tag dort, um z. B. Aufnahmen von deutschen Sendungen (Loriot!) und Filmen (Wim Wenders!) anzuschauen oder die Süddeutsche Zeitung und den Spiegel zu lesen.
Diese Zeit war für mich eine Art Selbststudium der deutschen Landeskunde. Als ich am 1. Dezember 1996 in Frankfurt am Main gelandet bin, kam mir das Land sofort vertraut vor – auch wenn der Temperaturunterschied zwischen Abflug und Ankunft bei circa 25 Grad lag.
Der Sprachkurs am Goethe-Institut Iserlohn
Für einen Sprachkurs am Goethe-Institut Iserlohn waren Kursteilnehmer aus den verschiedensten Ländern der Welt angereist, z. B. Südkorea, Indien, Libyen, Ukraine, Australien, Weißrussland, Simbabwe und Moldawien.
Vormittags hatten wir circa 5 Stunden Unterricht in einem der beiden Häuser des Goethe-Instituts im schönen Villenviertel Iserlohns, die Nachmittage waren für Hausaufgaben, Selbststudium in der Bibliothek oder Erkundung der Stadt vorgesehen.
Am Ende des Kurses haben wir eine Prüfung zum Erwerb eines Sprachzertifikats abgelegt, ich bekam dabei die höchste Note.
Sprache hautnah erlebt
In meinem Sprachaufenthalt in Iserlohn konnte ich die deutsche Sprache hautnah erleben. Meine vorhandenen Deutschkenntnisse waren dabei ein ganz entscheidender Faktor: Es fiel mir einfach, neue Freunde in Deutschland zu finden und mich mit ihnen auszutauschen sowie überhaupt am Stadtleben teilzunehmen. Außerdem haben die einheimischen Freunde des Goethe-Instituts die Integration der Kursteilnehmer durch Veranstaltungen, Ausflüge und Kontaktvermittlung gefördert. Ich durfte Weihnachten bei einer sehr netten deutschen Familie verbringen und dabei ein bisschen Tradition erleben.
An den Wochenenden haben wir in kleinen Gruppen Städteausflüge innerhalb Nordrhein-Westfalens gemacht. So habe ich die Düsseldorfer Innenstadt, das wunderbare Römisch-Germanische Museum in Köln, die entspannte studentische Atmosphäre in Münster und den beeindruckenden Aachener Dom kennen gelernt. In Bonn habe ich zu ersten Mal im Leben den Schnee gesehen – auch wenn der Schneefall in Bonn eher eine Seltenheit war und immer noch ist. Manchmal war ich dafür verantwortlich, passende Zugverbindungen zu finden, weil ich die Fahrplanauskunft – damals noch im Buchformat – studiert hatte und die Kollegen sich auf mich verlassen haben.
Ein zweiter wichtiger Faktor für den Erfolg des Sprachaufenthalts war die Tatsache, dass ich den letzten Wochen meines Sprachkurses im Auftrag der Institutsleiterin eine Gruppe von circa 80 elf- bis dreizehnjährigen Jugendlichen aus der Türkei betreut habe, die ebenfalls zum Deutschlernen nach Iserlohn gekommen waren. Ich habe sie bei Sport- und Freizeitaktivitäten begleitet – und dabei auch viel Spaß gehabt und sogar ein bisschen Türkisch gelernt.
Im Gegenzug für diese ehrenamtliche Arbeit durfte ich ein paar Wochen länger kostenfrei in der Studentenunterkunft des Instituts wohnen. Diese zusätzliche Zeit nutzte ich, um ein Kurzpraktikum bei einem hiesigen Reisebüro zu absolvieren; in meiner Heimatstadt war ich damals als Reiseverkehrskaufmann tätig, die Erfahrung in einem deutschen Reisebüro war also eine gute Möglichkeit, mein berufliches Kompetenzspektrum zu erweitern.
Insgesamt waren es nur noch 3 Monate Aufenthalt, die sich aber anfühlten wie ein ganzes Jahr und meinem Leben eine neue Richtung gaben. In dieser Zeit habe ich kein einziges Wort Portugiesisch gesprochen, danach hatte ich für einige Zeit sogar ein bisschen von der deutschen Satzmelodie in meiner Muttersprache beibehalten. Vor dem Aufenthalt hatte ich Deutsch aus purem Spaß und ohne jeden beruflichen Ehrgeiz gelernt. Danach war ich mir sicher: Die deutsche Sprache war von jetzt an sowohl privat als auch beruflich Teil meines Alltags. Ich wollte Deutsch-Übersetzer werden. Wie es dazu kam, das ist das Thema meines nächsten Beitrags in dieser Reihe.
