Am 21. und 22. Oktober 2022 besuchte ich in Köln ein Seminar zum Thema Gesprächsdolmetschen speziell für Übersetzer schriftlicher Texte. Beim Gesprächsdolmetschen handelt es sich um einen konsekutiven (zeitversetzten) Dolmetschmodus, der beispielsweise für Geschäftstreffen, Notartermine, Polizeivernehmungen, Gerichtssitzungen, diplomatische Verhandlungen oder ärztliche Untersuchungen geeignet ist. In diesem Seminar des Bundesverbands der Dolmetscher und Übersetzer unter der Leitung von Prof. Dr. Barbara Ahrens (Diplom-Dolmetscherin und Professorin für Theorie und Praxis des Dolmetschens an der TH Köln) wurden die Grundlagen und Techniken des Gesprächsdolmetschens vermittelt, erläutert und mit Rollenspielen intensiv geübt.
Unten fasse ich fünf Tatsachen über das Gesprächsdolmetschen zusammen, die ich im zweitägigen Seminar gelernt habe.
Inhaltsverzeichnis
Beim Gesprächsdolmetschen hat Vollständigkeit eine spezielle Bedeutung
Häufig sagt man – und ich gebe zu, es selbst mehr als einmal gesagt zu haben –, dass Dolmetscher allein schon wegen der Schnelligkeit der verbalen Kommunikation nicht unbedingt präzise und vollständig übertragen müssen.
Das stimmt so nicht. Präzision und Vollständigkeit gehören zum Berufsethos eines Dolmetschers.
Jedoch ist Präzision einer Verdolmetschung nicht gleichzusetzen mit einer wortwörtlichen Übertragung. Denn verdolmetscht wird der Inhalt, nicht die Wörter.
Auch aus diesem Grund hat der Begriff Vollständigkeit beim Dolmetschen eine andere Bedeutung. Bei einer Aufzählung beispielsweise bedeutet Vollständigkeit nicht, alle Punkte in eine Liste aufzuteilen. Man kann stattdessen Hyperonyme (Oberbegriffe) und Größenordnungen verwenden.
Wichtigstes Ziel beim Gesprächsdolmetschen sei schließlich – so die Referentin – die Verständigung zwischen Personen, die keine gemeinsame Sprache haben. Dabei sollte die Verdolmetschung so erfolgen, dass eine direkte Kommunikation entsteht – ohne dass der Dolmetscher als Gesprächsbeteiligter empfunden wird.
Konsekutivdolmetschen erfordert mehr Nerven als Simultandolmetschen
Es kursiert die Meinung, dass Konferenzdolmetschen (Verdolmetschung zeitgleich mit der Rede, nicht zeitversetzt wie beim konsekutiven Gesprächsdolmetschen) die absolute hohe Kunst sei, die sehr viele Fertigkeiten gleichzeitig und deshalb auch viel Nerven erfordert. Im Seminar von Prof. Dr. Barbara Ahrens wurde jedoch deutlich gezeigt, dass der Dolmetschmodus Konsekutivdolmetschen eigentlich noch anspruchsvoller sein kann und tatsächlich ist.
Denn Konsekutivdolmetscher müssen nicht nur die Bedeutung einer mündlichen Aussage erfassen (also eine Textanalyse durchführen) sowie nicht nur die Aussage richtig und vollständig wiedergeben (Sprachproduktion), sondern auch drei weitere Stufen der Verdolmetschung beherrschen:
- das kurzzeitige Speichern von Informationen,
- das Schreiben von Notizen über den erfassten Inhalt sowie
- das schnelle Abrufen von Informationen aus dem Kurzzeitgedächtnis.
Außerdem kommt der Konsekutivdolmetscher abwechselnd mit den Gesprächsteilnehmern zu Wort – nicht wie beim Simultandolmetschen, in dem der Konferenzdolmetscher im Hintergrund spricht. Alle Augen im Raum richten sich also auf den Konsekutivdolmetscher.
Es kann darüber hinaus auch vorkommen, dass ein Gesprächsteilnehmer den Dolmetscher direkt anspricht und sogar in eine peinliche oder juristisch gefährliche Situation hineinzieht.
All das erfordert vom Dolmetscher naturgemäß ein besonders hohes Maß an Stressresistenz.
Wer aber gut vorbereitet ist und Spaß am aktiven Umgang mit Sprachen, Themen und Menschen hat, dürfte in der Lage sein, den Stress beim konsekutiven Gesprächsdolmetschen zu bewältigen.
Für ein gelungenes Gesprächsdolmetschen sind Gedächtnistrainings das A und O
Schon in den ersten Minuten des Seminars wurde den Teilnehmenden klar, dass das Gesprächsdolmetschen ein hohes Maß an Kurzzeitgedächtnis erfordert. Da hatten wir nämlich die erste von vielen Rollenspielen, in der wir jeweils die kurze Vorstellungsrede des Vorgängers (auch in deutscher Sprache, ohne Übertragung in eine andere Sprache) wiedergeben durften. Was zunächst als einfache Aufgabe zu sein scheint, ist eigentlich eine Herausforderung aus mindestens zwei Gründen.
Erstens, weil wir nicht über eine ausgereifte Notizentechnik verfügen, mit der wir die Gedanken des Redners systematisch erfassen könnten.
Und zweitens, weil wir alle im Eifer den Fehler gemacht haben, die Rede nicht in der ersten Person zu wiedergeben, sondern als indirekte Rede (“Sie hat gesagt, dass…”; “Sie freut sich, dass…”).
Auch in anderen Übungen hat die Referentin mehrmals darauf hingewiesen, dass das Kurzzeitgedächtnis trainiert werden muss, um erfolgreich als Gesprächsdolmetscher tätig zu sein. Dies bedeutet, dass insbesondere Zahlen aber auch sonstige konkrete Angaben unbedingt im Gedächtnis gespeichert werden muss, um richtig sowie zum richtigen Zeitpunkt verdolmetscht zu werden.
Für das Gedächtnistraining empfiehlt die Referentin nicht die Verdolmetschung einer aufgearbeiteten Rede (zum Beispiel: Tagesschau, drehbuchbasierte Podcasts), sondern von spontaner Sprache wie beispielsweise in einer Talkshow.
Die Notizentechnik ist hochindividuell
Im Seminar wurde ebenfalls auf die Notation eingegangen. Es handelt sich dabei um ein Zeichensystem sowie um Techniken zum schnellen Schreiben von Notizen während des Gesprächsdolmetschens. Die Grundlagen für ein solches System wurden von der Seminarleiterin beleuchtet.
Dabei wurde stets betont, dass die Notizen das gut trainierte Kurzzeitgedächtnis nicht ersetzen kann. Das heißt, Gesprächsdolmetscher nutzen die Notizen als Ergänzung zur Speicherung von Informationen im Gedächtnis. Wer sich mehr auf das Schreiben von Notizen als auf die Rede konzentriert, wird schlichtweg nicht gut dolmetschen können.
Es gibt außerdem nicht die eine Notizentechnik, diese ist nämlich hochindividuell. Das bedeutet, dass jeder Gesprächsdolmetscher darauf angewiesen ist, ein eigenes Zeichensystem zu entwickeln, statt die Symbole aus irgendwelchem Handbuch zu übernehmen. Denn jeder Dolmetscher hat eine besondere Art, gesprochene Texte zu analysieren, die wiederum unterschiedliche Symbole erfordern.
Ein solches Zeichensystem soll so einfach wie möglich (um die Bedeutung der Symbole ohne Überlegung vom Gedächtnis abrufen zu können) sowie sprachneutral sein (sonst ist der Aufwand mit der Speicherung von deren Bedeutungen doppelt so hoch).
Im Seminar hat uns Prof. Dr. Ahrens viele wertvolle Tipps vermittelt, wie die Struktur und die Symbole eines solchen hochindividuellen Notationssystems aussehen könnten.
Beim Gesprächsdolmetschen spielen körperliche Aspekte eine besondere Rolle
Beim Gesprächsdolmetschen und in jeder Form von Konsekutivdolmetschen ist es erst einmal wichtig, den Raum abzulesen. Dies erleichtert die physische Einordnung des Settings: Wo sitzen/stehen die Gesprächsbeteiligten und wo kann ich als Gesprächsdolmetscher so sitzen/stehen, dass ich beide gut hören und mit beiden jeweils Augenkontakt behalten kann?
Auch andere physische Aspekte des Gesprächsdolmetschens sind wichtig. Zum Beispiel:
- So wenig wie möglich auf den Notizblock gucken, damit dieser nicht als Ablenkung angesehen wird.
- Um das Ende der Verdolmetschung einer Aussage zu signalisieren, kann der Gesprächsdolmetscher beispielsweise den Notizblock zur Seite legen und die Stimme am Ende des Satzes zu senken.
Verdeutlicht wurden die physischen Aspekte eines Dolmetscheinsatzes wurden im Rahmen von Dolmetschübungen in mehreren Sprachen (Englisch, Französisch, Italienisch und Portugiesisch).
Fazit
Das Seminar von Prof. Dr. Barbara Ahrens zum Gesprächsdolmetschen hat uns eine gute Grundlage vermittelt für die weitere Qualifikation im Bereich Dolmetschen sowie für die gute Vorbereitung auf zukünftige Dolmetscheinsätze. Durch die vielen praktischen Übungen hatte das Seminar außerdem einen besonders hohen Praxisbezug.
Angaben zur Veranstaltung
| Veranstaltungsart | zweitägiges Seminar in deutscher Sprache |
| Bezeichnung | „Einführung in das Gesprächsdolmetschen für Übersetzer*innen“ |
| Veranstalter | BDÜ Landesverband Nordrhein-Westfalen |
| Leitung / Referenten | Prof. Dr. Barbara Ahrens, Diplom-Dolmetscherin |
| Datum | 21. September 2022 17:00 bis 20:30 Uhr 22. September 2022 10:00 bis 18:00 Uhr |
| Veranstaltungsort | Geschäftsstelle des BDÜ NRW e.V. • Bobstr. 22 • 50676 Köln |
| Themenübersicht | • Unterschiede zwischen den Dolmetschmodi • Dolmetschrelevante Fähigkeiten • Anforderungen und Grundlagen des Gesprächsdolmetschens • Übungen von Techniken des Gesprächsdolmetschens • Theorie und Praxis der Notizentechnik fürs Konsekutivdolmetschen |
