Das Dolmetschen als mündliche Sprachübertragung erfordert ganz andere Fertigkeiten erfordert als das schriftliche Übersetzen. Dies hat zur Folge, dass ein guter Übersetzer nicht unbedingt ein guter Dolmetscher ist.
Wie sich Dolmetscher und Übersetzer voneinander unterscheiden, welche Fertigkeiten Dolmetscher haben müssen sowie welche Dolmetscharten es gibt, das erkläre ich in diesem Beitrag speziell für Kunden von Lingua Brasilis Übersetzungsbüro Fabio Said.
Inhaltsverzeichnis
Was ist der Unterschied zwischen Dolmetschen und Übersetzen?
Vereinfacht gesagt: Dolmetscher übertragen mündliche, Übersetzer schriftliche Aussagen in eine andere Sprache.
Es gibt jedoch Situationen, in denen mündliche Aussagen in einer Sprache schriftlich in einer anderen Sprache festgehalten werden, zum Beispiel im Rahmen einer Telekommunikationsüberwachung (TKÜ).
Dolmetscher müssen außerdem nicht unbedingt in eine andere Sprache dolmetschen. Dies ist beispielsweise der Fall beim Schriftdolmetschen, also der vollständigen oder zusammengefassten Übertragung des gesprochenen Wortes in schriftliche Texte der eigenen Sprache zur Verwendung durch Hörgeschädigte.
Das Verb für sowohl die Tätigkeit der klassischen Dolmetscher als auch für die der Übersetzer heißt „übersetzen“, während das Verb „dolmetschen“ auf Übersetzer nicht zutrifft.
Für professionelle Dolmetscher störend ist aber nicht das falsche Verb, sondern die falsche Bezeichnung ihres Berufs.
Wenn beispielsweise ein Dolmetscher im Fernsehen zu sehen ist, so denken die meisten Menschen automatisch, da sei ein „Übersetzer“. Umgekehrt: Deutsche Behördenmitarbeiter – sogar Justizbeschäftigte und Richter, die es eigentlich besser wissen sollten – verwenden bei der Suche nach einem Übersetzer (von Urkunden) oft die Bezeichnung „Dolmetscher“.
Die Verwirrung ist also ziemlich verbreitet und häufig. Dabei ist der Unterschied doch ganz einfach. Hier eine Gedächtnishilfe für die meisten Situationen:
mündliche Übertragung = Dolmetscher
schriftliche Übertragung = Übersetzer
Genügen Sprachkenntnisse, um Dolmetscher zu werden?
Natürlich nicht! Ein Mensch, der lediglich Sprachkenntnisse besitzt, ist noch lange kein Dolmetscher. Auch Menschen, die zweisprachig aufgewachsen sind, sind einfach nur zweimal Laien und nicht automatisch gute Dolmetscher.
Neben der perfekten Beherrschung der beiden Sprachen müssen Dolmetscher mindestens auch folgende Kompetenzen und Fertigkeiten besitzen:
- Terminologiekompetenzen für die Aneignung von Fachvokabular und Sprachstil des zu verdolmetschenden Themas;
- hohe Konzentrationsfähigkeit für das gleichzeitige Hören und Sprechen sowie die Deutung der Körpersprache des Sprechers (beim zeitgleichen bzw. Konferenzdolmetschen);
- sehr gutes Kurzzeitgedächtnis, um die Bestandteile einer Aussage im Kopf zu behalten und anschließend in einer anderen Sprache strukturiert und fließend wiederzugeben (beim zeitversetzten bzw. Konsekutivdolmetschen);
- breites Allgemeinwissen, um Verweise, Wortspiele, Witze und spontane kulturell bedingte Elemente schnell zu erkennen, zu verstehen sowie korrekt in die andere Sprache zu übertragen oder sinngemäß zu adaptieren;
- eine eigene Notizentechnik (beim konsekutiven Gesprächsdolmetschen) sowie
- eine gepflegte Stimme.
Das sind keine esoterischen Fertigkeiten, die göttlichen Wesen vorbehalten sind. Man kann sie lernen und üben im Rahmen einer ordentlichen Dolmetscherausbildung.
Wie erkennt man einen unprofessionellen Dolmetscher?
Unprofessionelle, also nicht qualifizierte Dolmetscher, übersetzen die Aussagen der Gesprächspartner in der dritten Person („Herr XYZ sagte, er hat die Tat nicht begangen.“). Dadurch übernimmt der Dolmetscher eine aktive Rolle im Gespräch, was die Wahrnehmung der Aussagen deutlich beeinflussen kann.
Professionelle Dolmetscher übertragen diese Art von Aussage in der ersten Person („Ich habe die Tat nicht begangen.“). Dadurch verschwinden sie im Kommunikationsgeschehen und sind nichts mehr als eine zweite Stimme des jeweiligen Gesprächspartners in der anderen Sprache.
Was ist Konferenzdolmetschen?
Simultandolmetschen ist der Dolmetschmodus, in dem eine Rede gleichzeitig gehalten und mündlich übersetzt wird. Es findet also keine Zeitverzögerung statt.
Konferenzdolmetschen ist die häufigste Form von Simultandolmetschen. Hier richtet sich die Verdolmetschung gleichzeitig an mehrere Personen, wie beispielsweise auf einer Tagung oder ähnlichen Veranstaltungen.
Aufgrund der zeitgleichen Verdolmetschung erfordert das Simultandolmetschen eine extrem hohe Konzentrationsfähigkeit. Professionelle Konferenzdolmetscher arbeiten deshalb in der Regel zu zweit in einer Kabine, alle circa 20 Minuten wird das Mikrofon dem Kabinenpartner übergeben.
Was ist Konsekutivdolmetschen?
Beim konsekutiven Dolmetschmodus wird eine Aussage erst gesprochen, dann gedolmetscht. Dadurch entsteht eine Verlängerung der Sitzung, denn alle müssen warten, bis der Dolmetscher die jeweilige Aussage gedolmetscht hat.
Das Konsekutivdolmetschen ist also ideal für kurze Verhandlungen sowie für Situationen, in denen eine Kabine nicht zur Verfügung steht. Das ist beispielsweise beim Notariatsdolmetschen der Fall.
Was ist Flüsterdolmetschen?
Beim Flüsterdolmetschen (auch „Chuchotage“ genannt) werden Aussagen wie beim Konferenzdolmetschen auch simultan – das heißt gleichzeitig –, aber für nur eine Person gedolmetscht. Der Dolmetscher befindet sich außerdem in unmittelbarer Nähe und spricht leise.
Der Vorteil dieser Dolmetschart ist, dass die Verdolmetschung privat bleibt, denn sie ist für eine einzige Person gedacht. Darüber hinaus kann der Redner ungestört und ununterbrochen sprechen.
Flüsterdolmetschen eignet sich gut für diplomatische Gespräche im kleinsten Kreis, fürs Dolmetschen im Gemeinwesen (community interpreting) oder für Situationen, in denen jemand eine Rede passiv verstehen und nicht unbedingt etwas selbst sagen muss.
Andererseits wird Flüsterdolmetschen oft bei Gericht verwendet – hier jedoch fast immer in Verbindung mit Konsekutivdolmetschen.
