Die ersten sechs Jahre meiner beruflichen Tätigkeit als Übersetzer waren ziemlich holprig. Der Berufsanfang als freiberuflicher Übersetzer war jedoch eine entscheidende Zeit für mich. Davon möchte ich in diesem vierten Beitrag der Reihe zu meinem Jubiläum im Übersetzer-Geschäft erzählen.
Inhaltsverzeichnis
Übersetzer als Nebenberuf
Nach meiner Ausbildung an einer Übersetzerschule in Brasilien hat sich genau das bestätigt, was ich bereits während der Ausbildung erfahren hatte: Eine feste Stelle als Übersetzer war nur schwer zu finden. Ein Umzug nach Südbrasilien, wo der Arbeitsmarkt bessere Aussichten bietet, kam damals nicht in Frage. Deshalb musste ich mir was einfallen lassen und andere berufliche Tätigkeiten in Betracht ziehen, die ebenfalls mit meinen gelernten sprachlichen Kompetenzen zu tun hätten.
Zunächst war ich angestellter Schiffshändler am Hafen von Salvador und habe z. B. Waren und Nahrungsmittel an andockenden internationalen Schiffen verkauft. Danach war ich freiberuflicher Englischlehrer zunächst für Privatkunden, dann auch sehr erfolgreich für eine lokale Sprachschule. Und schließlich wurde ich als Reiseverkehrskaufmann im Reisebüro eines großen Hotels angestellt, das als Urlaubsziel für internationale Touristen – vor allem aus Deutschland – bekannt war. Bei all diesen Tätigkeiten konnte ich meine Englischkenntnisse anwenden und ausbauen, während ich am Goethe-Institut Deutsch sowie im Selbststudium Spanisch lernte.
Spezialisierung als Schlüsselfaktor am Berufsanfang als freiberuflicher Übersetzer
Das Übersetzen habe ich während der ganzen Zeit nie aufgegeben. Ich habe fast alles versucht, um an Übersetzungsaufträge zu kommen: Anzeigen in der größten Regionalzeitung eingeschaltet, Werbeflyern auf dem Unicampus verteilt, Messen und Veranstaltungen besucht für den direkten Kontakt mit potentiellen Auftraggebern sowie meinen Lebenslauf in die halbe Welt verschickt. Das alles war aber nicht genug, um Fuß zu fassen. Zumindest nicht sofort. Übersetzer mit Arbeitssprache Englisch waren ja zahlreich vorhanden.
Trotz der Schwierigkeiten konnte ich ein paar sehr gute Kunden – vor allem aus der lokalen Industrie – gewinnen, die mich im Laufe der Zeit mit spannenden Aufträgen versorgt haben und mir eine Spezialisierung in den Bereichen Industrietechnik und Qualitätsmanagement ermöglicht haben. Diese zum Teil recht umfassenden Übersetzungsaufträge konnte ich natürlich nur dann übernehmen, als ich noch nicht bzw. nicht mehr angestellt war.

Die Spezialisierung auf die beiden genannten Fachgebiete sowie – nach der Rückkehr aus Deutschland und dem Erwerb eines Sprachzertifikats des Goethe-Instituts – die Hinzufügung der zweiten Arbeitssprache Deutsch waren die Schlüssel zur Positionierung als freiberuflicher Übersetzer auf dem lokalen Arbeitsmarkt.
Mentoring als Sprungbrett
Der Aha-Moment an meinem Berufsanfang als freiberuflicher Übersetzer kam aber erst nach fast 6 Jahren Berufstätigkeit. Da bekam ich von meinem ehemaligen Deutschlehrer aus dem Goethe-Institut, der zudem beeidigter Übersetzer war, die Einladung, ihn bei beglaubigten juristischen Übersetzungen Deutsch-Portugiesisch und Portugiesisch-Deutsch zu unterstützen.
Wir hatten bereits gelegentlich bei der Übersetzung wissenschaftlicher Texte aus Deutschland zusammengearbeitet, jetzt sollte die Zusammenarbeit aber auf täglicher Basis und vor Ort in seinem Büro erfolgen. Kurz davor hatte ich meinen Job als Reiseverkehrskaufmann in einem Ferienhotel gekündigt, um Philosophie zu studieren. Jetzt konnte ich also vormittags studieren und nachmittags juristische Texte übersetzen.
Das Jobangebot war die Chance, mich in ein völlig neues Fachgebiet einzuarbeiten und meine Übersetzungsfertigkeiten jeden Tag auf den Prüfstand zu stellen, da meine Arbeit von einem erfahrenen Rechtsübersetzer korrigiert werden sollte. Deshalb sehe ich diese Zeit als eine Mischung aus (bezahlter) praktischer Ausbildung und Mentoring, was wiederum wie ein Sprungbrett wirkte für einen neuen beruflichen Weg.
Im Jahr 1999 fing ich also an mit einem neuen Hauptfachgebiet (Rechtswesen, bis dahin Wirtschaft/Finanzen, Industrietechnik und Qualitätsmanagement), einer neuen Arbeitssprache (Deutsch, bis dahin nur Englisch und Portugiesisch) und einem neuen Tätigkeitsfeld (beglaubigte Übersetzungen). Endlich habe ich das gefunden, was mir beruflich wirklich Spaß machte, es gab zudem eine eindeutige Nachfrage auf dem lokalen Arbeitsmarkt. Jetzt war Schluss mit dem Übersetzen als Nebenjob, ich war von dem Moment an hauptberuflich Übersetzer. Meine Zeit als Mitarbeiter eines beeidigten Übersetzers und später als beeidigter Übersetzer in Brasilien ist das Thema meines nächsten Artikels dieser Reihe.
