Meine Erfahrungen als vereidigter Übersetzer in Brasilien

Blogbeitrag von Fabio Said

Heute im fünften Posting zu meinem Jubiläum in der Übersetzungsbranche will ich von der Zeit erzählen, in der ich die Techniken des Urkundenübersetzens bei einem erfahrenen Mentor gelernt habe und vereidigter Übersetzer in Brasilien wurde – lange bevor ich meine Zulassung als Urkundenübersetzer in Deutschland erhielt.

Die rechtliche Grundlage für das Urkundenübersetzen in Brasilien

In Brasilien erfolgt die öffentliche Bestellung als Urkundenübersetzer und Verhandlungsdolmetscher (offizieller Titel: Tradutor Público e Intérprete Comercial) in Brasilien nicht durch ein Gericht, sondern durch die Handelskammer des jeweiligen Bundesstaates.

Anfang der 2000er Jahre brauchte man dafür keine besondere Qualifikation, ein Sekundarabschluss war ausreichend, wobei die gefühlte Mehrheit der zugelassen Übersetzer Sprachlehrer waren oder aus dem sprachwissenschaftlichen Bereich kamen.

Buch Guia do Tradutor (2013) von Fabio Said
Mein Handbuch für Portugiesisch-Übersetzer beantwortet Fragen zum Thema Urkundenübersetzen in Brasilien

Zugelassen wurden jedoch nur diejenigen, die unter anderem eine spezielle Übersetzer- und Dolmetscherprüfung im Rahmen eines öffentlichen Wettbewerbs bestanden hatten. Und zwar mit einer so hohen Note, dass man unten den circa 2-7 Besten abgeschnitten hat, denn jede Zulassungsprüfung war für die Besetzung einer streng festgelegten Anzahl verfügbarer Plätze für Urkundenübersetzer bestimmt.

Eine Ausnahme war der Bundesstaat São Paulo, in dem es keine Begrenzung der zu vergebenden Plätze gab, sondern lediglich eine Mindestnote für den Prüfungserfolg – mit dem Ergebnis, dass beim letzten öffentlichen Wettbewerb mehr als 1000 Urkundenübersetzer auf einmal zugelassen wurden (und der Markt dadurch übersättigt wurde). Der Haken: Die Prüfung fand in unregelmäßigen Zeitabständen statt, in manchen Bundesstaaten betrug der Abstand zwischen den beiden letzten Prüfungen circa 15, 20 oder sogar 30 Jahre.

Erst 2026 findet eine neue Prüfung statt, dieses Mal auf nationaler Ebene und vollständig online. Die Berufsbezeichnung lautet jetzt Tradutor e Intérprete Público (öffentlich bestellter Übersetzer und Dolmetscher).

Im August 2021 trat in Brasilien ein neues Übersetzer- und Dolmetschergesetz in Kraft, welches das alte Übersetzer- und Dolmetschergesetz von 1943 sowie andere damit zusammenhängende Rechtsvorschriften ablöste. Demnach ändern sich die Zulassungsvoraussetzungen erheblich:

  • Auch Ausländer mit Wohnsitz in Brasilien dürfen vereidigt werden.
  • Darüber hinaus ist ein Hochschulabschluss in jedem Fall erforderlich.
  • Und die Prüfungen werden national statt in den einzelnen Bundesstaaten durchgeführt.

Das neue Gesetz sieht jedoch einen Bestandsschutz vor: Die bislang vereidigten Übersetzer behalten ihre Zulassung auch ohne Erfüllung der neuen Voraussetzungen! Das ist in starkem Kontrast zur Situation der nicht ausreichend qualifizierten Gerichtsdolmetscher in Deutschland, welche ihre Beeidigung nach Ablauf der im neuen deutschen Gerichtsdolmetschergesetz von 2023 vorgesehenen Übergangszeit verlieren werden.

Bis 2022 legten die bundesstaatlichen Verordnungen außerdem die Zeilen- und Stundensätze für die in deren jeweiligem Zuständigkeitsbezirk zugelassenen Übersetzer verbindlich fest, eine Preisverhandlung war nicht möglich. Aktuell werden die Preise für Urkundenübersetzungen in Brasilien nicht mehr staatlich festgelegt. Trotzdem gilt die Zulassung als vereidigter Übersetzer und Dolmetscher in Brasilien sehr begehrt, da sie zeitlich unbegrenzt gilt und mit einer gewissen Einkommenssicherheit verbunden ist, auch wenn diese bei einem übersättigten Arbeitsmarkt eigentlich trügerisch ist (siehe obiges Beispiel von São Paulo).

Erlernen der Techniken zum juristischen Urkundenübersetzen

Im Bundesstaat Bahia, in dem ich 1999 noch lebte und der größer ist als Deutschland, gab es einen einzigen öffentlich bestellten Übersetzer für Deutsch. Als er mich eingeladen hat, ihn bei Urkundenübersetzungen zu unterstützen, war das für mich eine wunderbare Gelegenheit, von seiner Expertise zu lernen und mir die Techniken des Urkundenübersetzens anzueignen.

Es handelt sich schließlich um eine besondere Form der Übersetzertätigkeit, bei der nicht nur Kenntnisse der juristischen Fachsprache sondern auch ein Verständnis der Arbeitsweise von Behörden erforderlich sind. Terminologiearbeit war eine meiner Aufgaben: Ich habe zum Beispiel bei jeder Übersetzung die Fachausdrücke recherchiert und ein zweisprachiges Glossar erstellt, das von meinem „Chef“ validiert und später in ein großes Glossar Deutsch-Portugiesisch eingebunden wurde.

Eine Besonderheit der in Brasilien angefertigten Urkundenübersetzungen: Diese werden meistens ohne professionelle Formatierung verfasst, so dass Tabellen und sonstige visuelle Elemente nicht eins zu eins übertragen werden. Das hat zu tun mit der brasilianischen Tradition, dass viele Arten von Urkunden als Fließtext in einem einzigen Absatz abgefasst werden – und leider auch mit der Tatsache, dass viele Urkundenübersetzer die Techniken der Textverarbeitung und des Desktop-Publishing nicht beherrschen. Das war bei meinen Übersetzungen damals (Anfang der 2000er Jahre) und ist heute nicht der Fall.

Die unprofessionelle Textgestaltung führt oft zur Unverständlichkeit von Übersetzungen, wenn diese außerhalb Brasiliens verwendet werden. Dies ist einer der Gründe, warum deutsche Behörden die in Brasilien angefertigten Urkundenübersetzungen ins Deutsche regelmäßig nicht anerkennen.

Es ging aber nicht nur um die reine Terminologie- und Übersetzungsarbeit, denn der Umgang mit Behörden und Konsulaten sowie die Kundenbetreuung im Büro gehörten ebenfalls zu meinem Aufgabenbereich. Privatpersonen und Kanzleien machten den Kern unseres Kundenkreises aus. Ich glaube, die Kundenorientierung bei Übersetzungsleistungen habe ich erst zu dieser Zeit gelernt. Flexibilität, Termintreue, Beratung vor und während der Auftragsbearbeitung – das alles habe ich damals jeden Tag geübt.

Vereidigter Übersetzer auf Stellvertreterbasis

Nach drei Jahren Zusammenarbeit hat mein „Chef“ bei der Zulassungsstelle eine lange Beurlaubung beantragt, was bedeutete, dass es im ganzen Bundesstaat keinen vereidigten Übersetzer für Deutsch-Portugiesisch mehr gab. Ich hatte bereits viel Erfahrung gesammelt, deshalb wurde ich weiterempfohlen und dann auch auf Stellvertreterbasis gemäß dem Zulassungsgesetz ernannt. Jetzt war ich nicht nur für die ganze Abwicklung im Büro verantwortlich, sondern haftete auch mit meiner Unterschrift und Stempel für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Übersetzungen.

Nach circa einem Jahr wurde wieder ein öffentlicher Wettbewerb organisiert. Natürlich habe ich die Prüfungen abgelegt, um nicht mehr Stellvertreter, sondern Titelinhaber zu sein. Bei Deutsch-Portugiesisch habe ich die drittbeste Note erhalten, bei Englisch-Portugiesisch bekam ich den zehnten Platz. Es gab jedoch für jede Sprache jeweils nur 2 Plätze zu vergeben, deshalb wurde ich leider nicht zugelassen, was für mich eine riesige Enttäuschung war. Das war im Jahr 2003, seitdem hat im betreffenden Bundesstaat keine Prüfung mehr stattgefunden, die zuständige Behörde sieht offenbar keinen Bedarf dafür.

Das Leben ging aber weiter. Für weitere 2 Jahre habe ich wieder mit meinem ehemaligen Mentor und vereidigten Urkundenübersetzer zusammenarbeitet, bis ich mich entschieden habe, auf eigenen Beinen zu stehen sowie das Übersetzergeschäft international auszubauen durch die Zusammenarbeit mit Kunden in den USA, der Schweiz und Deutschland. Im Jahr 2007 bin ich nach Deutschland umgezogen und habe ein neues Kapitel meiner Berufsbiografie als Übersetzer aufgeschlagen.

Fabio Said, Portugiesisch-Übersetzer
Über den Autor
Fabio Said
Fabio Said ist juristischer Dolmetscher und Übersetzer für Portugiesisch, qualifiziert in Deutschland, England und Brasilien. Seit 1993 im Geschäft, spezialisiert auf die deutsch-brasilianische Bürokratie sowie hauptberuflich tätig für Gerichte, Notare, Behörden und Privatpersonen – mit Hunderten positiven Kundenbewertungen.

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