Zu den wichtigsten Kompetenzen eines professionellen Übersetzers gehört der sichere Umgang mit technischen Arbeitstools. Im Laufe meiner 25-jährigen Tätigkeit als freiberuflicher Übersetzer habe ich eine enorme Entwicklung im Bereich Übersetzungstechnik beobachtet, d. h. bei technischen Hilfsmitteln, die typischerweise in einem Übersetzungsbüro eingesetzt werden.
In diesem Artikel erzähle ich kurz, welche technischen Arbeitstools ich als professioneller Übersetzer wofür verwende.
Inhaltsverzeichnis
Übersetzungsmanagement
Für sämtliche, noch so kurze Übersetzungen – auch für beglaubigte Übersetzungen – nutze ich als wichtigste Arbeitstool das professionelle Translation-Memory-System CafeTran Espresso. Davor habe ich 8 Jahre lang Wordfast Pro, 15 Jahre lang memoQ und SDL Trados Studio sowie in der ersten Hälfte der 2000er Jahre Wordfast Classic genutzt. Dort findet insbesondere die Speicherung und das Management aller meiner bisherigen Übersetzungen statt.
Translation-Memory-Systeme (auch bekannt als CAT-Tools) sind für professionelle Übersetzer mehr oder weniger wie AutoCAD für Architekten oder Photoshop für Grafiker – man kann auch ohne solche Programme arbeiten, wenn es unbedingt sein muss, aber sie sind unverzichtbar für hohe Produktivität und Datenabfragen.
In meinem CAT-Tool befindet sich ebenfalls meine große zweisprachige Terminologiedatenbank bestehend aus vielen Glossaren mit Fachbegriffen, die ich selbst im Laufe von 25 Jahren mühsam recherchiert, gesammelt und validiert habe.
Zusammen bildet dieses Material (Translation Memories und Glossare) eine Art Schatztruhe, die meine berufliche Erfahrung als Fachübersetzer widerspiegelt und auf die ich bei neuen Übersetzungsaufträgen zurückgreifen kann, was wiederum die Qualität und Schnelligkeit meiner Übersetzungsleistungen erheblich erhöht.

Qualitätssicherung
Für die Qualitätssicherung (QS) beim Übersetzen nutze ich vor allem die sehr ausgebauten QS-Funktionen des bereits genannten Übersetzungsprogramms. Diese helfen mir zum Beispiel, Terminologiefehler zu erkennen und zu beheben, die Rechtschreibung zu prüfen, sprachliche Konventionen bezüglich Zahlenformate teilweise automatisch einzuhalten oder auch eine sprachliche Konsistenz zu erreichen durch die Verwendung von gespeicherten Textbausteinen.
All dies erfolgt in Echtzeit sowohl während des Übersetzens als auch in der zweisprachigen Korrekturphase.
Diese sind aber nur die erste und zweite Stufen der Qualitätssicherung, die dritte Stufe ist eine einsprachige Revision der Übersetzung, vorgenommen ohne Bezug auf den Quelltext sowie ohne Nutzung von technologischen Hilfsmitteln.
Text- und Spracherkennung
Für die Vorbereitung von Dokumenten, die in Papierform oder als Scans vorliegen, habe ich lange Jahre das Texterkennungsprogramm ABBYY FineReader genutzt, das unter Übersetzern der alten Generation ein Art Standard-Ausstattung ist.
Aktuell verwende ich einen Apple Kurzbefehl, den ich selbst zusammengebastelt habe und für meine Bedürfnisse perfekt funktioniert. Wenn die Bildqualität der gescannten Dokumente gut ist, wird der gescannte Text zum größten Teil problemlos erkannt, manchmal sogar handschriftliche Eintragungen. Die Texterkennung ist ganz eindeutig ein unverzichtbarer Bestandteil der Übersetzungstechnik in meinem Büro.
Ich muss trotzdem jedes Mal den Text manuell formatieren, denn so weit ist die Texterkennungstechnologie leider noch nicht gekommen, dass immer ein perfekt formatierter Text generiert wird. Außerdem bin ich Perfektionist und will, dass meine beglaubigten Übersetzungen unbedingt visuell ansprechend sind (und nicht ungepflegt aussehen, wie ich bei anderen beeidigten Übersetzern oft beobachte).
Für die Übersetzung von Fließtexten (ohne komplexe Formatierung) ins Deutsche habe ich in meinen Windows-Jahren gelegentlich die teure Spracherkennungssoftware Dragon Professional verwendet, die leider nicht für Portugiesisch verfügbar war. Aktuell nutze ich die kostenlose Diktierfunktion von meinem Mac, da Apple inzwischen eine unschlagbare Diktier- ud Transkriptionstechnologie in vielen Sprachen bietet.
Die Spracherkennung spielt jedoch keine große Rolle in meinem Übersetzungsbüro, denn die meisten Dokumente, die ich übersetze, sind komplex formatiert, enthalten viele fremdsprachlichen Eigennamen und eignen sich daher nicht für die Verarbeitung mit dieser Technologie.
Neben Text- und Spracherkennung nutze ich sehr stark Tastaturkurzbefehle, um bestimmte Textschnipsel nicht immer wieder abtippen zu müssen, bestimmte Apps und Dateien einfacher zu öffnen und schnell auf Internetsuchmaschinen zuzugreifen. Bei solchen und vielen anderen tagtäglichen Aufgaben hilft mir die hervorragende App Alfred.
Kundenmanagement
Für das Kundenmanagement habe ich lange Jahre das Projektmanagementprogramm TO3000 (TO steht für Translation Office), welches Daten von Projekten, Kunden und Buchhaltung miteinander verknüpft. Als ich mich entschieden habe, weniger für internationale Übersetzungsagenturen und mehr für Privatkunden vor Ort in Deutschland zu übersetzen, wurde das Programm zu umständlich und sogar überflüssig.
Ich ging deshalb zurück zu Microsoft Excel, aber dieses Mal habe ich fortgeschrittene Funktionen dieser Tabellenkalkulationssoftware genutzt. Zum Beispiel: Pivot-Tabellen, um Daten zu verknüpfen und sehr nützliche Statistiken angezeigt zu bekommen.
Inzwischen nutze ich ein eigens von mir konzipiertes und auf meine eigenen Bedürfnisse abgestimmtes Datenbankprogramm für alle Verwaltungsbereiche wie zum Beispiel
- Management von Kontakten, Kundendaten und Kundenbewertungen,
- Erstellung von Angeboten und Rechnungen,
- Projektmanagement und Urkundenverzeichnis sowie
- Buchhaltung (Datenaufbereitung zur Übersendung an meinen Steuerberater).

All das wird miteinander verknüpft und ergänzt durch mein E-Mail-Programm Mozilla Thunderbird (kostenlos, aber mit bezahlten Erweiterungen).
Sichere E-Mail-Kommunikation
Auch wenn andere Übersetzer mit ihren Kunden über kostenlose E-Mails wie Gmail, Yahoo oder Hotmail kommunizieren, hinterlässt das für mich persönlich keinen professionellen Eindruck. Anbieter kostenloser E-Mails weisen ernstzunehmende Datenschutzprobleme auf und somit Übersetzer und ihre Kunden unnötigen Risiken aussetzen.
Aus diesem Grund kommuniziere ich mit meinen Kunden ausschließlich über meinen eigenen E-Mail-Server. Außerdem nutze ich niemals WhatsApp, Facebook, Instagram oder sonstige soziale Netzwerke für Geschäftsgespräche oder Kundenberatung.
Alle Vorverkaufsgespräche werden über die innovative, datenschutzkonforme Online-Beratung auf meiner Kontaktseite geführt, welche eine gute Mischung aus zwei Vorteilen bietet: rechtlich sichere Online-Kundenberatung ermöglicht durch hochmoderne Technologie.
Professionelles Datenmanagement
Übersetzer – da sie einen kreativen Beruf ausüben – sind nicht unbedingt gut in Sachen Datenmanagement. Zum Beispiel: Die meisten Urkundenübersetzer sind nicht interkulturell spezialisiert und übersetzen Urkunden als nettes Zubrot, nicht hauptberuflich – mit dem Ergebnis, dass deren Arbeitsweise noch in den 1990er Jahren stecken geblieben ist. Sie machen alles manuell, Informationen werden nicht strukturiert erfasst und abgerufen, weil der Aufwand für sie zu hoch ist im Vergleich zu deren Verdiensten.
Das alles gibt es in meinem spezialisierten Übersetzungsbüro nicht. Hier wird ernsthaftes, professionelles Datenmanagement betrieben, denn ich weiß, dass der Erfolg und das Überleben meines Geschäfts davon abhängen. Das bedeutet insbesondere:
- Alle Computerdateien mit Urkundenübersetzungen und Ausgangstexten werden nach einer professionellen Systematik benannt, kategorisiert und gespeichert.
- Alle PDF-Dateien mit Urkundenscans sind durchsuchbar.
- Ich nutze ein professionelles Durchsuchungsprogramm (FoxTrot Professional Search) zum schnellen Abrufen von Informationen bei Anfragen sowie bei Auftragsausführung.
- Alle übersetzten Sätze werden zusammen mit dem zugehörigen Satz des Originaltextes in meinem CAT-Tool gespeichert, so dass mit der Zeit ein riesiger Fundus an Übersetzungen entsteht, was zu entsprechend höherer Produktivität und Qualität führt.
Wer denkt, das alles sei viel zu viel Aufwand, der hat einfach den Zug der technologischen Entwicklungen in der Übersetzungsbranche bereits verpasst und sollte sich nach einem anderen Betätigungsfeld suchen.
Technische Arbeitstools sind nichts mehr als Hilfsmittel
Die Technik ist definitiv Teil des Übersetzeralltags. Gerade deshalb mögen naive Branchenoutsider, unvorbereitete Quereinsteiger oder unerfahrene junge Kollegen vielleicht den Eindruck gewinnen, dass die Beherrschung der Technik genügt, um erfolgreich als Übersetzer tätig zu sein. Da irrt man sich gewaltig.
Im Endeffekt sind die eigenen übersetzerischen Kompetenzen nach wie vor entscheidender für den Erfolg als professioneller Übersetzer.
Dies bedeutet: Wenn ein Übersetzer Schwierigkeiten beispielsweise beim Verständnis des Quell- oder bei der Verfassung des Zieltextes hat, hilft auch die fortschrittlichste Technik nicht weiter. Die Technik ist und bleibt ein zusätzliches Hilfsmittel, und nur ein qualifizierter Übersetzer kann von diesem Hilfsmittel vollumfänglich profitieren.
