Meinen beruflichen Werdegang als Übersetzer habe ich in Brasilien begonnen und in Deutschland fortgesetzt. Aus diesem Grund konnte ich im Laufe der Jahre ein paar ganz persönliche Erkenntnisse über die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen der Übersetzungsbranche in Brasilien und ihrem deutschen Gegenstück sammeln. Genau darum geht es in diesem siebten Artikel zur Feier meiner 25-jährigen Berufstätigkeit als Übersetzer.
Inhaltsverzeichnis
Fehlende gesetzliche Reglementierung
Zunächst eine Gemeinsamkeit: Sowohl in Brasilien als auch in Deutschland gibt es für die Berufsbezeichnung „Übersetzer“ im Allgemeinen keine gesetzliche Reglementierung. Das bedeutet: Jeder kann sich selbst als Übersetzer angeben und den Beruf ausüben, ohne bestimmte Qualifikationen nachweisen zu müssen.
Die Folge davon ist, dass es sowohl in Brasilien als auch in Deutschland eine riesige Kluft gibt zwischen qualifizierten und qualitätsbewussten Fachleuten einerseits und nicht qualifizierten, meistens preiswerteren Sprachmittlern andererseits, und die Kunden können nicht immer die Spreu vom Weizen trennen.
Eine Ausnahme stellen beeidigte Übersetzer dar, diese müssen nämlich amtlich zugelassen werden und genießen daher eine besondere Stellung in der Übersetzungsbranche beider Länder.
Übersetzen in die Fremdsprache
In Deutschland herrscht im Großen und Ganzen das Muttersprachlerprinzip, wonach ein Übersetzer nur in seine Muttersprache übersetzen soll. Das Übersetzen in die Fremdsprache wird eher als zweite Option betrachtet, wenn beispielsweise kein passender Muttersprachler mit den erforderlichen Fachkenntnissen verfügbar ist.

In Brasilien wird im Gegensatz zu Deutschland sehr oft in die Fremdsprache übersetzt, diese Dienstleistung hat sogar eine spezielle Bezeichnung: „versão“ (Übertragung) statt „tradução“ (Übersetzung). Außerdem erwartet man von einem Übersetzer in Brasilien, dass er eher in die Fremdsprache übersetzt, das ist also die Norm. Warum das so ist, darüber kann man nur spekulieren.
Ein Grund dafür ist wohl, dass die Anzahl der Menschen mit einer fremden Muttersprache (darunter Übersetzer) in Brasilien viel niedriger ist als in Deutschland. Außerdem ist der brasilianische Arbeitsmarkt eher auf einheimische Anbieter mit guten Kontakten vor Ort ausgerichtet und – wie auch die gesamte Wirtschaft – grundsätzlich protektionistisch, so dass ausländische Arbeitskräfte es relativ schwerer finden, in Brasilien Fuß zu fassen. Übersetzungen im Ausland einzukaufen, das kommt in den allermeisten Fällen nicht in Frage, denn ausländische Anbieter sind wegen der Wechselkurse und der steuerrechtlichen Vorschriften in der Regel zu teuer. Dass die Wahrscheinlichkeit, dass Übersetzungen von Nicht-Muttersprachlern – vor allem im Marketingbereich – Qualitätsmängel aufweisen, höher ist, nimmt die Übersetzungsbranche in Brasilien einfach in Kauf.
Bürokratieaufwand für Gründer von Übersetzungsbüros
In Deutschland kann ein Übersetzer ein Einzelunternehmen schnell und unkompliziert gründen. Als Solounternehmer für Großfirmen tätig zu sein, ist in der Regel auch kein Problem, denn die Hürden hierbei sind eher logistischer oder organisatorischer Natur (Anzahl der zu bewältigenden Sprachen, zeitlicher Rahmen für die Fertigstellung usw.).
In Brasilien hingegen sind die Hürden vorwiegend steuer- und abgabenrechtlicher Natur: Die Firmen und Verlage wollen keine freiberuflichen Übersetzer beauftragen, denn das würde zu höheren Steuern und Sozialabgaben sowie mehr Bürokratieaufwand führen. Offiziell heißt seitens der brasilianischen Firmen: Man wolle die Scheinselbständigkeit vermeiden. Brasilianische Übersetzer, die ein Unternehmen gründen, haben mehr Chancen auf dem Markt – müssen aber zugleich mit einer höheren Steuerlast und deutlich mehr Bürokratie rechnen.
Bedeutung von Übersetzervereinigungen
In Deutschland gibt es zahlreiche Berufsverbände für professionelle Übersetzer, der größte davon ist der Bundesverband der Dolmetscher und Übersetzer (BDÜ). Die deutschen Übersetzervereinigungen nehmen die Interessen ihrer Mitglieder vor allem auf der politischen Ebene wahr (sie werden sogar bei der Gesetzgebung mit einbezogen), bieten regelmäßige Fortbildungsmöglichkeiten, fördern intensive Diskussionen im Rahmen von Kollegentreffen auf Bundes-, regionaler und lokaler Ebene.
Anders als in Deutschland gibt es in Brasilien nur wenige Berufsverbände, meistens nur für lokal beeidigte Übersetzer. Sie sind in puncto Verwaltung ziemlich zentralisiert und bieten so gut wie keine Fortbildungsmöglichkeiten. Ein Übersetzertreffen in Brasilien zu organisieren, ist außerdem – aus eigener Erfahrung – eine große Herausforderung, denn die sehr internetaffinen brasilianischen Kollegen scheinen eher das Online-Netzwerken zu bevorzugen, zu dem jeder selbst ernannter Übersetzer Zugang hat. Das alles führt dazu, dass es in der Übersetzungsbranche in Brasilien leider wenig Zusammenhalt gibt.
