Seminar zum Berufsfeld Gerichtsdolmetschen in Frankfurt

Blogbeitrag von Fabio Said

Am 10. September 2022 fand in Frankfurt am Main ein vom Übersetzerverband BDÜ Hessen veranstaltetes Seminar zum Berufsfeld Gerichtsdolmetschen statt. Rund 15 Teilnehmende durften von der Erfahrung und den didaktischen Fertigkeiten der Referentin, Heike Demme – die als Gerichtsdolmetscherin, Urkundenübersetzerin sowie ehrenamtliche Richterin in Schleswig-Holstein tätig ist – profitieren. Auch ich war dabei und wurde nicht enttäuscht!

Überblick über das deutsche Rechtssystem

Im Block I des Seminars führte uns Heike Demme ins deutsche Rechtswesen ein. Das waren grundlegende Informationen, die zur Auffrischung von bereits erworbenen Kenntnissen beigetragen haben.

So wurde in diesem Abschnitt anschaulich erläutert, inwiefern sich die großen Rechtszweige (Zivil-, Straf- und Verwaltungsrecht) im Gerichtswesen niederschlagen, nämlich in den verschiedenen Gerichtsbarkeiten und Instanzenzügen.

Ganz besonders wurde auf die – beim Urkundenübersetzen wie beim Gerichtsdolmetschen relevanten – verschiedenen „verfahrensleitenden Schriftsätze“ eingegangen mit der dazugehörigen Fachterminologie. Wie heißen die Parteien in einem Scheidungsverfahren im Gegensatz zu einem zivilrechtlichen Klagverfahren? Wann wird eine Berufung und wann eine Revision eingelegt? Was ist der Unterschied zwischen Gegenstandswert und Verfahrenswert? Diese und viele weitere Fragen wurden ausführlich von der Referentin beantwortet und mit Beispielen aus der Praxis demonstriert.

Fachterminologische Exkurse in Rechtsgebiete wie Sachenrecht und Kaufrecht standen ebenfalls im Programm.

Gerichtsdolmetschen: rechtliche Grundlagen und praktische Tipps

Im Block II widmete sich die Referentin zunächst den allgemeinen Grundlagen des Dolmetschens, insbesondere des Gerichtsdolmetschens. So wurden die wesentlichen Unterschiede zwischen den Dolmetschtechniken (konsekutiv und simultan) mit deren jeweiligen Untergliederungen (wie beispielsweise Flüsterdolmetschen) erklärt.

Dem folgte eine Diskussion zu den rechtlichen Grundlagen des Gerichtsdolmetschens. Es war interessant, von der Referentin bestätigen zu lassen, dass es den deutschen Richtern trotz der Reglementierung im Bereich Dolmetschen bei Gericht immer noch freisteht, eine beliebige Person als Dolmetscher vor Ort zu beeidigen. Außerdem werden in Familiensachen laut § 189 Gerichtsverfassungsgesetz beeidigte Gerichtsdolmetscher nicht unbedingt benötigt. Trotzdem ist die gerichtliche Beeidigung meiner Ansicht nach ein wichtiges Zeichen von Professionalität; schließlich müssten für die allgemeine Beeidigung einige Voraussetzungen erfüllt werden, wie beispielsweise das Bestehen einer staatlichen Dolmetscherprüfung.

Was die rechtlichen Grundlagen des Gerichtsdolmetschens in der Praxis bedeuten, hat die Referentin ebenfalls erläutert. Zum Beispiel: Richtet eine Verfahrenspartei eine Frage an den Gerichtsdolmetscher, so soll dieser die Frage auf keinen Fall beantworten, sondern lediglich in die andere Sprache dolmetschen. Anderenfalls würde die Gefahr bestehen, dass eine Antwort als unbefugte rechtliche Beratung oder als Befangenheit verstanden wird.

Zum Abschluss des Seminarblocks II wurde über etwas diskutiert, was im sprachmittlerischen Bereich eigentlich bekannt ist bzw. sein soll, jedoch oft nicht beachtet wird: Aussagen in der Ich-Form werden ebenfalls in der Ich-Form gedolmetscht und nicht umformuliert. Sonst wird beispielsweise eine Aufzeichnung von Aussagen nicht verwertbar, was natürlich zu erheblichen negativen Auswirkungen für alle Verfahrensbeteiligten führt.

Dolmetscheinsatz als Rollenspiel

Nach der (im positiven Sinne) Informationsflut am Vormittag war im Block III Zeit für noch mehr Praxisbezug. In diesem Abschnitt wurde nämlich der Ablauf eines Dolmetscheinsatzes dargelegt und mit Rollenspielen geübt.

Dabei wurde stets darauf hingewiesen, wie wichtig die Vorbereitung auf den Einsatz ist. Zum Beispiel in puncto Einsatzdauer. Auch wenn die Gerichte nicht immer vorhersehen können, wie lange ein Dolmetscheinsatz dauern soll, hilft ein kurzer Anruf bei der Geschäftsstelle oder das Wissen über die Abkürzungen, die als Bestandteile des Aktenzeichens in der gerichtlichen Ladung zu lesen sind, oft weiter, um zu erfahren, was das genau für eine Rechtssache ist (Mord? Abschiebung? Familiensache?) und wie viel Zeit man dafür einplanen sollte.

Die inhaltliche Vorbereitung des Gerichtsdolmetschers wird dadurch vereinfacht, in dem man die schriftliche Übersetzung der Anklageschrift – die laut der Referentin vorhanden sein muss – im Vorfeld des Dolmetscheinsatzes bekommt. Die Qualität der Verdolmetschung ist jedenfalls – mit oder ohne Anklageschrift als Text vor Ort – von höchster Bedeutung, dies gilt insbesondere in einem Strafverfahren. Das heißt, auch wenn eine schriftliche Übersetzung vorhanden ist, muss die Anklageschrift absolut getreu in die Fremdsprache übertragen werden, sonst findet eine Verletzung des Rechts auf ein faires Verfahren statt.

In den Rollenspielen wurde uns beispielsweise vermittelt, wie sich Gerichtsdolmetscher sowohl im Vorzimmer als auch im Gerichtssaal verhalten sollten. Dass es eine feste oder zumindest typische Sitzordnung für die Verfahrensbeteiligten gibt, fand ich interessant. Wie auch dass man problemlos Bescheid sagen darf, wenn es unangenehm wird (wie bei Müdigkeit wegen eines langen Einsatzes).

Zum Schluss wurden die Themenbereiche Marketing und Bezahlung behandelt. Insbesondere ging es dabei um die Bestimmungen und Geltungsbereiche des JVEG (Justizvergütungs- und -entschädigungsgesetz) sowie um die umstrittenen Rahmenverträge mit Justiz- und Polizeibehörden (um die gesetzlich festgelegten Stundensätze für Dolmetscher nicht zahlen zu müssen).

[Eine längere Version dieses Seminarberichts ist in der Zeitschrift des Übersetzerverbands BDÜ Hessen erschienen. Siehe die ausführliche Übersicht meiner Veröffentlichungen.]

Angaben zur Veranstaltung

Veranstaltungsarteintägiges Seminar in deutscher Sprache
Bezeichnung„Dolmetschen bei Gericht und Behörden – Hintergrundinfos und Praxisbeispiele“
VeranstalterBDÜ Landesverband Hessen
Leitung / ReferentenHeike Demme
Datum10. September 2022 10:00 bis 17:00 Uhr
VeranstaltungsortGewerkschaftshaus • Wilhelm-Leuschner-Straße 69-77 • 60329 Frankfurt am Main
Themenübersicht• Einführung in das deutsche Rechtssystem mit einer Darstellung der Gerichtsorganisation und Erklärung der häufigsten Rechtsbegriffe in der Dolmetschpraxis
• Überblick über das Berufsfeld Gerichtsdolmetschen mit den rechtlichen Grundlagen und praktischen Beispielen
• Rollenspiele zur Veranschaulichung häufiger Dolmetscheinsätze
• Diskussion über beruflich relevante praktische Aspekte wie Marketing, Bezahlung und Zusammenarbeit mit Gerichten und sonstigen Behörden
Fabio Said, Portugiesisch-Übersetzer
Über den Autor
Fabio Said
Fabio Said ist juristischer Dolmetscher und Übersetzer für Portugiesisch, qualifiziert in Deutschland, England und Brasilien. Seit 1993 im Geschäft, spezialisiert auf die deutsch-brasilianische Bürokratie sowie hauptberuflich tätig für Gerichte, Notare, Behörden und Privatpersonen – mit Hunderten positiven Kundenbewertungen.

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