Ein Bericht zur Übersetzerkonferenz BP19 in Bologna

Blogbeitrag von Fabio Said

Am 1. bis 3. Mai 2019 besuchte ich in Bologna, Italien, die Übersetzerkonferenz BP19 und hatte wieder einmal die Gelegenheit, mit und von Kollegen aus der ganzen Welt zu lernen. Die BP ist inzwischen ein fester Bestandteil des Veranstaltungskalenders für professionelle Übersetzer in Europa geworden. Ich war vor zwei Jahren auf der BP17 in Budapest und habe schon damals gesehen, wie viel Energie der Veranstalter (Csaba Bán, ungarischer Übersetzer) in die Organisation der BP-Konferenzen steckt. Viele Kollegen sind schon seit der ersten BP (2014) jedes Jahr dabei.

Ankunft in Bologna und Opernabend

„Worüber sprechen Übersetzer denn so auf einer Übersetzerkonferenz?“ Das fragte die nette Dame aus Amerika, die neben mir in der Loge des Teatro Comunale saß, als wir auf den zweiten Akt von La Traviata warteten.

Ich war weniger Stunden zuvor in Bologna angekommen und hatte bereits die erste Begegnung mit Kollegen, wir wollten uns das berühmte Opernstück von Verdi ansehen.

Übersetzerkonferenzen sind eindeutig etwas für Brancheninsider. Umso mehr freute ich mich über die Frage der netten Dame. Das war ja eine Chance, meinen Beruf in wenigen Worten zu beschreiben und vielleicht ein bisschen mehr Anerkennung für uns Übersetzer in der breiten Öffentlichkeit zu schaffen.

Ich habe ihr erzählt, dass wir in Bologna waren, um z. B. über die technischen Hintergründe der übersetzerischen Arbeit zu diskutieren, die unternehmerischen Strategien von Kollegen aus unterschiedlichen Ländern zu verstehen und uns auf die Zukunft des Berufsstands Übersetzer vorzubereiten.

Es folgten die üblichen Fragen zu meiner Muttersprache und meinem multikulturellen Hintergrund. Ich betonte aber, dass es beim Übersetzen nicht nur um die Beherrschung von Fremdsprachen und den Umgang mit verschiedenen Kulturen geht, wir sind vor allem auch Unternehmer und müssen unsere Geschäftsprozesse ständig optimieren.

Und dann kam die letzte Frage, die mich besonders gefreut hat: „Was übersetzen Sie denn so?“ Meine Antwort: „Verträge, Urkunden, Finanzberichte, Steuerklärungen – trockene Texte, die letztendlich eine große Bedeutung haben für das Leben meiner Auftraggeber und mir gerade deshalb so viel Spaß machen.“

Ich hoffe, ich konnte in den wenigen Minuten ein bisschen vermitteln, was wir freiberufliche Übersetzer so alles machen. Mehr Zeit hatte ich nicht, die Pause in der Oper war schließlich vorbei, die schöne Musik von Verdi wurde wieder laut.

Erster Tag der BP19-Konferenz: Workshops und Ausflüge

An den darauf folgenden Tagen habe ich in Bologna genau das erlebt, was ich der netten Dame gesagt hatte. Im Programm der BP19 standen zahlreiche Vorträge und Workshops über die unternehmerischen Aspekte des Berufs Übersetzer, z. B.: Online- und Offline-Marketing, Büroorganisation, Ideen für neue Geschäftsmodelle und Zukunftsstrategien.

Am ersten Mai habe ich einen dreistündigen Workshop zum Thema internationale Suchmaschinenoptimierung absolviert. Es handelte sich um eine Einführung in eine neue Marktnische (SEO-Übersetzen).

Der Referent David García gab zunächst einen Überblick über die wichtigsten Begriffe im Bereich Suchmaschinenoptimierung (organic search results, ranking factors, bounce rate, backlinks, domain authority usw.).

Dem folgten Strategien zur Einbindung von SEO in den Übersetzungsprozess im Gegensatz zur kostspieligeren Alternative, zunächst die Website zu übersetzen und erst danach die übersetzte Version für Google zu optimieren. Diese Mischung aus Übersetzen und Suchmaschinenoptimierung wird am besten mithilfe von Tools wie Google Trends, SEMrush oder Ahrefs erledigt. Das Wichtigste dabei ist jedoch die fundierte Keyword-Recherche anhand solider Kenntnisse über die Zielsprache und des Ziellands – das können Übersetzer doch am besten!

David hat uns in einer Übung gezeigt, wie das in der Praxis geht und wie diese Arbeit abgerechnet werden kann. SEO-Übersetzen ist definitiv eine interessante Marktnische für bereits etablierte und tech­nik­af­fine Sprachmittler.

Andere praxisbezogene Workshops wurden ebenfalls angeboten, aber ich wollte ein bisschen von der schönen Altstadt von Bologna sehen und habe stattdessen an einem ausführlichen Ausflug teilgenommen, in dem ich u. a. die überwältigenden Werke des Frührenaissance-Bildhauers Niccolò dell’Arca (Bild unten) bewundern konnte.

„Beweinung des toten Christus“, Skulpturen von Niccolò dell’Arca in Bologna während der Übersetzerkonferenz BP19
„Beweinung des toten Christus“, Skulpturen von Niccolò dell’Arca in Bologna während der Übersetzerkonferenz BP19

Zweiter Tag der BP19-Konferenz: einstündige Seminare

Nach dem Workshop Day fing die Konferenz richtig an mit der Welcome Reception: Zeit, Kollegen kennen zu lernen bzw. wiederzusehen. Geschenke wurden ausgetauscht, Sprachkenntnisse geübt, ein leckeres Abendessen war auch dabei.

Der eigentlich erste Konferenztag war für längere, knapp einstündige Präsentationen vorgesehen. Es gab in jedem Zeitblock drei gleichzeitige unterschiedliche Vorträge zur Auswahl, meine Auswahl fiel auf:

  • „The ins and outs of quality assurance in translation“, Vortrag von Dejan Hribar (Kroatien) – Nutzung regulärer Ausdrücke in der Qualitätssicherung bei Übersetzungsprojekten auf der Grundlage von vereinbarten Qualitätsmerkmalen.
  • „What legal clients want – as told by a former client“, Vortrag von Paige Daygert (USA) – Praktische Tipps zur Zusammenarbeit mit Anwaltskanzleien als Auftraggeber von Übersetzungen, z. B.: professionelle Kommunikation, Genauigkeit im Sprachgebrauch, gezielte Fragen, Abrechnungsbasis.
  • „Never send a human to do a machine’s job“, Vortrag von Ágnes Kmilcsik (Ungarn) – Strategien zur Automatisierung von Kunden- und Übersetzungsprozessen, auch mithilfe von Projekt-Templates und Metadata.
  • „What Excel can do for your attitude as an entrepreneur“, Vortrag von Javier Ortiz (Deutschland) – Nutzung von Microsoft Excel als Werkzeug für das Management von Übersetzungsprojekten und zu Statistikzwecken.
  • „GDPR and translators: Easy steps to protect your and your clients‘ data“, Vortrag von Irene Koukia (Griechenland) – Lösungen für die datenschutzkonforme Speicherung, Übermittlung und Sicherung von Kundendaten.
  • „Can retainer models work for translators?“, Vortrag von Jo Rourke (Irland) – Besprechung eigener Erfahrungen der Referentin mit sogenannten Retainer Agreements zur Kundenbindung und Stabilisierung des Cashflows.
Kurzvortrag von Iwona Piątkowska auf der Konferenz BP19 in Bologna
Kurzvortrag von Iwona Piątkowska auf der Konferenz BP19 in Bologna

Dritter Tag der BP19-Konferenz: kurze Vorträge

Am letzten Konferenztag gab es eine lange Reihe von Kurzvorträgen mit großzügigen Pausen zwischendurch für einen Kaffee und fürs Netzwerken. Highlights für mich waren:

  • „How to impress clients and make them fall in love with you“, von Caroline Alberoni (Brasilien) – Tipps zur Kundenbindung durch gezielte Humanisierung der Kommunikation.
  • „The power of soft skills in a digital age“, von Jaquelina Guardamagna (Großbritannien) – Soziale Kompetenz als Alleinstellungsmerkmal für freiberufliche Übersetzer und Dolmetscher.
  • „Are you a professional?“, von Vasiliki Prestidge (Großbritannien) – Professioneller Umgang mit schwierigen Kunden als Chance für die Akquise.
  • „Effective time management for translators“, von Iwona Piątkowska (Polen/Großbritannien) – Praktische Tipps zur produktiven Erledigung von Aufgaben im Übersetzungsbüro mit vielen Tool-Empfehlungen.
  • „Running a translation business as a restaurant“, von Carlos la Orden Tovar (Italien) – Originelle Analogie zwischen der Übersetzungsbranche und der Gastronomie mit vielen neuen Blickpunkten, die zum Erfolg freiberuflicher Übersetzer beitragen können.
Kurzvortrag von Carlos la Orden Tovar auf der Konferenz BP19 in Bologna
Kurzvortrag von Carlos la Orden Tovar auf der Konferenz BP19 in Bologna

Ausflug nach Ravenna

Am Samstag gab es kein Programm, deshalb haben sich die Teilnehmer in verschiedene Reisegruppen geteilt oder auch auf eigene Faust die Stadt Bologna und Umgebung besichtigt. Ich schloss mich einer Gruppe an, die Ravenna, die ehemalige Hauptresidenz der weströmischen Kaiser, besuchen wollte.

Wir haben eine sehr gute Reiseleiterin gehabt, die uns viele interessante architektonische und künstlerische Werke aus dem 5-6. Jahrhundert gezeigt und erklärt hat, darunter: Basilika Sant’Apollinare in Classe (Bild unten), Basilika San Vitale, Baptisterium der Arianer und Mausoleum der Kaiserin Galla Placidia. Danach noch ein letztes gemeinsames Abendessen in Bologna und schon war die aufregende Woche vorbei.

Im Rahmenprogramm der Übersetzerkonferenz BP19 in Bologna: Besichtigung der Mosaiken in der Basilika Sant’Apollinare in Classe in Ravenna
Im Rahmenprogramm der Übersetzerkonferenz BP19 in Bologna: Besichtigung der Mosaiken in der Basilika Sant’Apollinare in Classe in Ravenna

Persönliches Fazit über die BP19-Konferenz in Bologna

Die BP19 war eine inhaltlich abwechslungsreiche und gut organisierte Übersetzerkonferenz. Nicht alle Themen waren neu, aber der Weg nach Bologna lohnte sich auf jeden Fall.

Mit knapp 300 Teilnehmern war die Konferenz auch sehr gut besucht und gehört damit zu den größten Veranstaltungen für Übersetzer im europäischen Raum.

In den Pausen sowie bei den gemeinsamen Mahlzeiten und Ausflügen konnten wir Freundschaften (weiter)entwickeln und Geschäftspartnerschaften schließen.

Und vor allem: Der größte Vorteil einer solchen Konferenz ist die gewonnene Energie und Motivation, das eigene Übersetzergeschäft so zu optimieren, dass ich auch in Zukunft den Anforderungen meiner Kunden gewachsen bin sowie dass mir der Beruf Übersetzer weiterhin Spaß macht.

Angaben zur Veranstaltung

Veranstaltungsartdreitägige Konferenz in englischer Sprache
Bezeichnung„BP19 Translation Conference“
VeranstalterBP Translation Conferences
Leitung / Referenten verschiedene
Datum1. – 3. Mai 2019
VeranstaltungsortZanhotel Europa, Bologna, Italien
Themenübersicht• dreistündige Workshops zu Themen wie Suchmaschinenoptimierung, Marketing und technische Ressourcen für Übersetzer
• einstündige Vorträge u. a. über juristisches Übersetzen, Automatisierung von Übersetzungsprozessen und Umgang mit Kundendaten
• Kurzvorträge über professionelles Verhalten, Diversifizierung von Dienstleistungen, Kundenbindung, Soft Skills und andere
• zahlreiche Möglichkeiten zum Netzwerken mit Übersetzerkollegen aus der ganzen Welt
Fabio Said, Portugiesisch-Übersetzer
Über den Autor
Fabio Said
Fabio Said ist juristischer Dolmetscher und Übersetzer für Portugiesisch, qualifiziert in Deutschland, England und Brasilien. Seit 1993 im Geschäft, spezialisiert auf die deutsch-brasilianische Bürokratie sowie hauptberuflich tätig für Gerichte, Notare, Behörden und Privatpersonen – mit Hunderten positiven Kundenbewertungen.

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