Auch wenn ich seit über 20 Jahren als juristischer Dolmetscher und Übersetzer in Notarsachen unterwegs bin, gibt es in diesem Bereich immer etwas zu lernen. Außerdem ist es für professionelle Sprachmittler von Vorteil, sich mit Kollegen über Best Practices und aktuelle Entwicklungen auszutauschen. Aus diesen beiden Gründen habe ich am 18. Juni 2022 an einem Seminar für Übersetzer in Berlin zum Thema juristisches Dolmetschen in Notarsachen teilgenommen. Unten folgt mein persönlicher Seminarbericht.
Inhaltsverzeichnis
Einzigartige Gelegenheit für Dolmetscher und Übersetzer in Berlin
Organisiert wurde das Seminar vom Bundesverband der Dolmetscher und Übersetzer (BDÜ), Landesverband Berlin-Brandenburg. Zunächst einmal ein großes Lob an die Weiterbildungsverantwortlichen des BDÜ Berlin-Brandenburg für die gelungene Organisation und für die Entscheidung, das Seminar trotz der geringen Teilnehmerzahl doch noch stattfinden zu lassen.
Die Seminarleitung übernahm Herr Evangelos Doumanidis, Rechtsanwalt, beeidigter Verhandlungsdolmetscher und Urkundenübersetzer für Griechisch in Stuttgart sowie Vorsitzender des Verbands allgemein beeidigter Verhandlungsdolmetscher und öffentlich bestellter und beeidigter Urkundenübersetzer in Baden-Württemberg (VVU). Ich hatte bereits einen Vortrag von Herrn Doumanidis auf einer Übersetzerkonferenz in Bonn besucht, deshalb wusste ich, was zu erwarten war.
Für das Seminar hatte ich mich bereits 2020 (in Karlsruhe) angemeldet, es fand damals coronabedingt leider nicht statt. Ich bin froh, dass es im Endeffekt doch noch in Berlin geklappt hat. Denn das Seminar war eine einzigartige Gelegenheit für Dolmetscher und Übersetzer in Berlin, sich in mit dem Thema juristisches Dolmetschen in Notarsachen vertraut zu machen, die eigenen Fachkenntnisse zu aktualisieren und sich mit KollegInnen über Best Practices auszutauschen.
Grundlagenwissen über das Notariatsdolmetschen
Herr Doumanidis erklärte, dass Notariatsurkunden ihre eigene Fachsprache aufweisen. Deshalb sollten wir Übersetzer und Dolmetscher uns am besten mit authentischen Notariatsurkunden in beiden Arbeitssprachen vertraut machen, um ein Bewusstsein für deren Unterschiede und Gemeinsamkeiten zu entwickeln, was den Sprachstil und den Inhalt angeht.
Das bedeutet jedoch nicht, dass wir beim juristischen Dolmetschen im Notariatswesen die Rechtsbegriffe erklären müssen. Stattdessen sollten wir Gelegenheit geben, dass die Beteiligten selbst Fragen stellen, die dann vom beurkundenden Notar beantwortet werden.
Es folgte ein Überblick über die notariellen Funktionen, darunter die Warnfunktion (Auswirkung einer notariellen Beurkundung für die Beteiligten) und die Beweisfunktion (die Urkunde als Beweis einer Willenserklärung). Dann noch eine Diskussion zum Beurkundungsgesetz und zu den Ausschließungsgründen, die der Mitwirkung eines Dolmetschers rechtlich hindern können – zum Beispiel, dass der Dolmetscher mit den Beteiligten nicht verwandt und nicht verschwägert sein darf.
Auch wenn wir Notariatsdolmetscher für die Verständigung während einer notariellen Beurkundung wichtig sind, müssen wir – anders als beim Gerichtsdolmetschen – nicht zwingend beeidigt sein oder werden. Eine Qualifikation im sprachlichen Bereich braucht man dennoch schon, auch um die Rechtssicherheit der Beteiligten zu gewährleisten.
Änderung der Gesetzeslage für beeidigte Dolmetscher in Deutschland
Der Einführung folgte eine Diskussion über die kommende Änderung der Gesetzeslage für beeidigte Dolmetscher in Deutschland. Ein neues Gerichtsdolmetschergesetz wird nämlich am 1. Januar 2023 in Kraft treten, welches eine neue bundesweite Reglementierung des Berufs Gerichtsdolmetscher sowie verschiedene national einheitliche Voraussetzungen für die Beeidigung einführt, darunter das erfolgreiche Ablegen einer Dolmetscherprüfung. Für diejenigen, die keinen Dolmetscherabschluss haben, wird es keinen Bestandsschutz (wie es beispielsweise bei der Novellierung des Dolmetschergesetzes in Brasilien der Fall war) geben.
Das neue Gesetz ist jedoch höchst umstritten, denn es schafft in der Praxis eine Spaltung: einerseits die (bundesweit reglementierten) Gerichtsdolmetscher, andererseits die (weiterhin nach Landesrecht reglementierten) Notariats- und Behördendolmetscher sowie Urkundenübersetzer. Es kommt also demnächst eine ganze Menge Bürokratie im Bereich juristisches Dolmetschen hinzu: Schaffung neuer Dolmetschergesetze durch die einzelnen Bundesländer, Neubeeidigung von Dolmetschern nach den neuen Gesetzen, Nachholung von Prüfungsleistungen durch die Dolmetscher, die die neuen Qualifikationsvoraussetzungen noch nicht erfüllen usw.
Häufigste zweisprachige Beurkundungssituationen
Im wichtigsten Abschnitt des Seminars wurden die häufigsten notariellen Beurkundungssituationen am Beispiel von verschiedenen Textmustern sehr detailliert diskutiert, bei denen wegen Auslandsbeteiligung ein juristischer Dolmetscher erforderlich ist:
Notarieller Kaufvertrag
Hierzu wurde zunächst der Aufbau eines Grundbuchs erklärt und dann gezeigt, wie die Abschnitte eines Grundbucheintrags sich auf den Wortlaut eines notariellen Kaufvertrags auswirken. Auch grundlegende Fachbegriffe des Kaufrechts wurden erläutert wie beispielsweise Auflassung und Grundschuld.
Notarielle Vorsorgevollmacht
Zwei weitere notarielle Textsorten, bei denen juristische Dolmetscher benötigt werden, sind die Vorsorgevollmacht (allgemein, enthält eine Generalvollmacht für den Fall einer körperlichen und/oder geistigen Unfähigkeit des Vollmachtgebers) und die Patientenverfügung (enthält keine Generalvollmacht, geht auf konkrete Einzelheiten bei einer medizinischen Behandlung ein). Wobei nur Erstere einer notariellen Beurkundung zwingend bedarf.
Notarielle Scheidungsfolgenvereinbarung
Bei dieser notariellen Textsorte, vor allem wenn es um den Trennungs- und/oder nachehelichen Unterhalt geht, spielen nicht nur komplizierte familienrechtliche Vorschriften, sondern auch die Emotionen der Beteiligten eine wichtige Rolle. Um so mehr brauchen juristische Dolmetscher Nerven, um dabei unparteiisch zu bleiben.
Notarielle Gründungsurkunde
Auch bei der Beurkundung der Gründung einer Gesellschaft werden juristische Dolmetscher benötigt. Hier stehen die Fachbegriffe des Gesellschaftsrechts natürlich im Vordergrund. Deshalb ist es von Vorteil, dass sich Dolmetscher mit der Rechtskultur der beteiligten Länder im Vorfeld der Beurkundung intensiv beschäftigen.
Berliner Testament
Zum Schluss wurde das sogenannte Berliner Testament diskutiert – also die Variante eines Testaments, bei der Ehe- oder Lebenspartner sich gegenseitig als Alleinerben einsetzen. Das Berliner Testament bedarf keiner notariellen Beurkundung, wird aber oft (als zusätzliche Sicherheit für die Beteiligten) notariell vereinbart. Dabei kommen häufig Begriffe des Erbrechts vor, wie beispielsweise Pflichtteilsansprüche und Ausschlagungsfrist.
Fazit
Es hat sich gelohnt, zwei Jahre zu warten, bis das Seminar von Herrn Doumanidis zum Thema juristisches Dolmetschen in Notarsachen endlich stattgefunden hat. Denn wir hatten ausreichend Möglichkeiten, vom enormen Fachwissen des Referenten zu profitieren – nicht nur im Rahmen seines Vortrags sondern auch bei der Beantwortung unserer Fragen. Und natürlich war es schön, uns in einer kollegialen Runde über die Praxis des juristischen Dolmetschens austauschen zu können.
Nach dem Seminar bin ich bestens vorbereitet für die nächsten Herausforderungen in meiner Tätigkeit als juristischer Notariatsdolmetscher für brasilianisches Portugiesisch.
Schade nur, dass nicht mehr KollegInnen diese ausgezeichnete Fortbildungsmöglichkeit in Anspruch genommen haben. Werbung dafür gab es durch den BDÜ genug und teuer war die Teilnahmegebühr auch nicht. Offenbar besitzen die in Deutschland ansässigen Notariatsdolmetscher bereits Fachwissen im Überfluss und halten es deshalb für nicht nötig, mehr zum eigenen Berufsfeld zu lernen…
Angaben zur Veranstaltung
| Veranstaltungsart | eintägiges Seminar in deutscher Sprache |
| Bezeichnung | „Dolmetschen beim Notar: Einführung in Terminologie und rechtliche Grundlagen“ |
| Veranstalter | BDÜ Landesverband Berlin-Brandenburg |
| Leitung / Referenten | Evangelos Doumanidis |
| Datum | 18. Juni 2022 10:00 bis 17:30 Uhr |
| Veranstaltungsort | Hotel Art NOUVEAU • Leibnizstraße 59 • 10629 Berlin |
| Themenübersicht | • Hintergrundwissen für die Arbeit von DolmetscherInnen (und ÜbersetzerInnen) im Rahmen von Notarterminen • häufigste Notariatsurkunden wie Immobilienkaufvertrag, GmbH-Gründung und Scheidungsfolgenvereinbarung • Diskussion zur Rechtsterminologie, die bei notariellen Urkunden vorkommt |
