Gibt es noch eine berufliche Zukunft für Humanübersetzer?

Blogbeitrag von Fabio Said

Der erste Satz, den ich oft höre, wenn ich jemandem erzähle, dass ich Übersetzer bin: „Machst du dir keine Sorge, dass dein Beruf wegen technischer Entwicklungen in den Bereichen maschinelle Übersetzungen und Künstliche Intelligenz bald verschwindet?“ Typische Frage von Laien, die glauben, beim Übersetzen gehe es nur ums „Übersetzen“.

Im letzten Teil dieser Artikelreihe zur Feier meines 25-jährigen Jubiläums in der Übersetzungsbranche gehe ich auf diese Frage ein und schreibe ein paar Überlegungen darüber nieder, wie ich die Zukunft der Humanübersetzer sehe.

Humanübersetzer und die technische Entwicklung seit 1993

Zunächst ein Vergleich: Was hat sich denn in meinem Beruf zwischen 1993 (dem Jahr meines Berufsanfangs als Humanübersetzer) und heute verändert? Meine Antwort ohne Zögern: Vor allem die Technisierung und Digitalisierung des Berufs.

Im Jahr 1993 ging ich für die Recherche von Fachbegriffen zu verschiedenen Universitätsbibliotheken und musste mir alles mühsam handschriftlich notieren (Laptops waren damals noch sehr teuer), um später diese Notizen bei der eigentlichen Übersetzungsarbeit zu verwenden. Heute erfolgt die Recherchearbeit im Handumdrehen mithilfe von Google und meinem großen Fundus an selbst übersetzten Dokumenten aus 25 Jahren Berufserfahrung.

Professionelle Übersetzungsprogramme

Außerdem mache ich alle Übersetzungen mit einem professionellen Übersetzungsmanagement-Programm, nicht einfach im Microsoft Word wie beim Berufsanfang als Übersetzer, geschweige denn mit einer Schreibmaschine oder mit Handschrift wie bei meiner Übersetzerausbildung Ende der 1980er Jahre.

Die Entwicklung der professionellen Übersetzungsprogramme erfolgt rasant. Es kommen immer mehr Funktionen hinzu, die die Arbeit schneller, produktiver und qualitätsbewusster machen sollen.

Die Verwendung solcher Tools beim professionellen Übersetzen ist nicht mehr wegzudenken. Die Kernkompetenzen der Humanübersetzer sind natürlich noch vorhanden, aber eben mit der Maschine als unverzichtbarem Begleiter. Ich glaube, das geht anderen Berufen wie Architekten und Ingenieuren genauso wie uns Übersetzern.

Technische Kompetenzen

Die Technisierung des Übersetzerberufs bedeutet darüber hinaus, dass freiberufliche Übersetzer mehr und mehr Fertigkeiten und Kenntnisse haben müssen, die vor 25 Jahren nicht gefordert waren, wie beispielsweise:

  • HTML-, CSS-, PHP-, XML- und Java-Kenntnisse nicht nur für den souveränen Umgang mit Tags in Lokalisierungsprojekten, sondern auch für die Erstellung oder zumindest Pflege der eigenen Website nach dem neuesten Stand;
  • Online-Marketing inklusive Content-Marketing-Strategie zur Gewinnung von Neukunden oder zumindest Öffentlichkeitsarbeit (PR) mittels Social Media;
  • Nutzung integrierter Verwaltungssysteme im Büro für die schnelle Erstellung von Angeboten und Rechnungen sowie für die Verwaltung von Kundendaten und Finanzinformationen für steuerliche Zwecke;
  • Kenntnisse von IT-Sicherheitsmaßnahmen zur Abwehr von Cyberattacken sowie
  • systematische Verfolgung von Brancheninformationen mittels digitaler Publikationen.

Übersetzen, ein hart umkämpfter Markt

Mit der Entwicklung der technischen Tools für Humanübersetzer hat sich auch die Marktsituation verändert: Der Übersetzungsmarkt war für die gängigsten Sprachen schon immer stark umkämpft, aber die Digitalisierung verstärkt den Wettbewerb durch eine größere Verfügbarkeit von Arbeitskräften noch einmal deutlich. Je mehr verfügbare Humanübersetzer es gibt für eine bestimmte Sprachkombination, desto schwieriger wird es, sich auf dem Übersetzungsmarkt zu behaupten.

Die Folge davon ist, dass viele Übersetzer rein auf der Grundlage des Preises miteinander konkurrieren. Und wenn es Kunden gibt, die den Preis als vorrangigen Entscheidungsfaktor sehen, dann ist ein Teufelskreis geschaffen, von dem viele junge Übersetzer nicht mehr wegkommen.

Es ist nämlich naiv, am Berufsanfang niedrige Preise zu verlangen in der Hoffnung auf eine „Erhöhung nach und nach“, denn die Kunden sind nicht dumm und wechseln zu einem billigeren, meistens am Berufsanfang befindlichen Anbieter, sobald ein früher billiger Übersetzer das Honorar erhöht.

Die Kollegen, die sich billig verkaufen, statt sich zu spezialisieren und einen deutlichen Mehrwert anzubieten, denken gar nicht daran, dass sie dadurch nicht nur Mitbewerber, sondern auch auf lange Sicht das eigene Geschäft und die Übersetzungsbranche insgesamt kaputt machen.

Human Parity in der maschinellen Übersetzung

Der von den Medien immer wieder angepriesene Erfolg der maschinellen Übersetzung (MÜ) beruht auf dem Begriff der Human Parity, d. h. auf der spürbaren Qualität der maschinell erstellten gegenüber Humanübersetzungen. Mit jeder neuen – von der regelbasierten zur statistischen und neuronalen – maschinellen Übersetzungstechnologie wird die wahrgenommene Übersetzungsqualität besser, man erwartet außerdem immer größere Sprünge.

Solche Sprünge waren bisher jedoch nicht genug, um eine wirklich perfekte Parität zu erreichen. Das MÜ-System von DeepL zum Beispiel erzeugt bekanntlich Übersetzungen mit nahezu perfekter Grammatik, aber der Sinn wird nicht immer richtig wiedergegeben.

Übersetzungen mit Künstlicher Intelligenz

Auch die neuesten Anwendungen im Bereich Künstliche Intelligenz haben noch nicht die Qualität einer Humanübersetzung erreicht. Es ist beispielsweise bekannt, dass die KI-generierten Texte Lügen oder zumindest faktische Unstimmigkeiten enthalten, die nur bei ganz genauer Überprüfung erkannt werden können.

Für Laien lassen sich maschinelle Übersetzungen ganz gut lesen – aber nur weil sie eben Laien sind, keine fundierten Kenntnisse der betreffenden Fremdsprache besitzen und für die genaue Überprüfung solcher Texte und der zugrunde liegenden Technologie nicht geschult sind (Stichwort digitale Inkompetenz). Das ist natürlich eine ganz große Gefahr und passiert nicht nur in der Übersetzungsbranche, sondern auch in vielen anderen Bereichen, in denen KI verwendet wird.

Darüber hinaus hängt die Qualität der maschinellen Übersetzungen mit oder ohne KI sehr stark von der jeweiligen Sprachkombination ab: Maschinelle Übersetzungen Deutsch-Englisch liefern also deutlich bessere Ergebnisse als Deutsch-Portugiesisch. Sprachenpaare, für die bereits sehr viele Daten (und Übersetzungen!) verfügbar sind, lassen sich in MÜ-Systemen besser verarbeiten. Das bedeutet, dass die Qualität der zukünftigen maschinellen Übersetzungen auch sehr von der Qualität der bestehenden Humanübersetzungen abhängt.

Der Mensch ist also immer noch die Messlatte für die Maschine!

Spezialisierte Humanübersetzer

Nehmen wir an, die Qualität der maschinellen Übersetzungen wird immer höher bei immer mehr Sprachenpaaren, nicht nur bei Paaren weltbekannter Sprachen. In diesem Fall werden Humanübersetzer in der Tat überflüssig.

Andererseits braucht man einen Humanübersetzer nicht für jede Art von Übersetzungen.

Zum Beispiel: Ein Text aus dem Internet, den man schnell nur zu Informationszwecken benötigt, muss nicht unbedingt von einem professionellen Humanübersetzer übersetzt werden. Google Übersetzer oder DeepL reichen völlig aus.

Aber:

Einen wichtigen Vertrag mit sensiblen Informationen lässt man hingegen lieber von einem juristischen Fachübersetzer übersetzen. Ebenso Urkunden im Rahmen eines Gerichtsverfahrens. Wie auch alle möglichen Textsorten, die strategisch wichtig sind, personenbezogene Daten enthalten oder veröffentlicht werden sollten.

Spezialisierte Humanübersetzer werden also bei aller technischen Entwicklung immer noch gebraucht.

Was macht ein Humanübersetzer besonders?

Diejenigen, die sich fragen, ob Humanübersetzer noch eine Zukunft haben, haben – weil sie Laien sind – etwas Grundsätzliches leider nicht verstanden:

Professionelle Humanübersetzer – das heißt, ausgebildete Übersetzer, die vom Übersetzen leben, anstatt den Beruf lediglich als Zubrot auszuüben – tun viel mehr als „ein Wort in einer Sprache durch ein anderes in einer anderen Sprache zu ersetzen“.

Aus meiner eigenen Berufserfahrung seit 1993 wage ich zu behaupten: In all den Jahren ging es in meinem Beruf noch nie ums „bloße Übersetzen“.

Ein paar Beispiele aus der Praxis:

  • Als professioneller Finanzübersetzer stelle ich Sachfehler – und natürlich auch Tippfehler – in Finanzberichten fest und mache meine Kunden darauf aufmerksam, so dass die Texte vor Veröffentlichung noch geändert und dadurch mögliche Zusatzkosten für Korrekturen und Neuveröffentlichung vermieden werden.
  • Als juristischer Urkundenübersetzer übernehme ich nicht nur die Haftung für die Richtigkeit meiner Übersetzungen, sondern ich berate meine Kunden über die Notwendigkeit oder Nicht-Notwendigkeit von bestimmten Urkunden in einem bestimmten bürokratischen Verfahren – auf der Grundlage meiner langjährigen Erfahrung mit der deutsch-brasilianischen Bürokratie –, so dass sie Zeit, Stress und vor allem Geld sparen können.
  • Als Spezialist für Website-Lokalisierung teile ich meinen Kunden bei Bedarf mit, dass ein bestimmter Satz oder ein bestimmtes Produkt im beabsichtigten Zielland (hier: Brasilien) wegen interkultureller Unterschiede nicht gut ankommen würde, so dass das entsprechende Angebot rechtzeitig vor dem Start der Werbekampagne im Zielland angepasst werden kann.

Als das und vieles mehr können nur Humanübersetzer anbieten – nicht die maschinelle Übersetzung aus einer KI-App.

Warum werden Humanübersetzer benötigt?

Für die Massen, die übersetzte Texte nur zu reinen Informationszwecken ohne hohe Ansprüche benötigen, sind professionelle Humanübersetzer einfach zu teuer, langsam und umständlich. Und das ist auch gut so.

Schließlich sucht man einen Arzt oder einen Notar nicht „einfach so“ auf, sondern weil man deren professionelle Leistungen tatsächlich braucht. Gleiches gilt für professionelle Humanübersetzer.

Professionelle Humanübersetzer werden nur dort wirklich benötigt, wo man ein besonders hohes Maß an Qualität, Sachkenntnis, Vertraulichkeit und Seriosität sucht – also dort, wo man einen Menschen mit Qualifikationen braucht.

Verschwindet der Beruf Übersetzer bald?

Allein wegen der technischen Entwicklung bei maschinellen Übersetzungen und Künstlicher Intelligenz mache ich mir als spezialisierter Humanübersetzer also keine Sorge um die Zukunft des Übersetzerberufs.

Buch Guia do Tradutor (2013) von Fabio Said
In meinem Buch für Portugiesisch-Übersetzer gibt es eine ausführliche Diskussion darüber, warum so viele Übersetzer den Beruf aufgeben (das war lange vor dem Zeitalter von Künstlicher Intelligenz schon so)

Viel problematischer und bedrohlicher finde ich junge Kollegen, die sich trotz ihrer Qualifizierung unter Marktwert verkaufen und dadurch zum Preisdruck in der gesamten Branche beitragen. Es ist ja schließlich bekannt: Wer heute billig ist, konkurriert morgen mit noch billigeren Anbietern, die eines Tages wiederum selbst zu teuer sind, und so weiter und so fort. Dies ist das altbekannte Wettrennen nach unten.

Angst habe ich also nicht vor der Übersetzungsmaschine, schließlich habe ich als professioneller Humanübersetzer gelernt, produktivitätssteigernde Arbeitstools zu nutzen.

Auch nicht vor mehrsprachigen Menschen, die ohne besondere Übersetzerausbildung als Übersetzer arbeiten (wollen), der Markt kümmert sich schon darum, die Spreu vom Weizen zu trennen.

Angst habe ich nur vor qualifizierten Kollegen, die nicht erkennen, dass sie als professionelle Humanübersetzer einen einzigartigen Mehrwert anbieten können, sofern sie in kontinuierliche berufliche Weiterbildung und Spezialisierung investieren.

Sollte der Beruf Übersetzer eines Tages verschwinden, sind also nicht die Maschinen, sondern die Übersetzer selbst daran schuld. Bis dahin konzentriere ich mich lieber darauf, meine Spezialisierung und langjährige Erfahrung als Humanübersetzer im Dienste anspruchsvoller Kunden – also nicht im Sinne eines unpersönlichen Massengeschäfts – zur Verfügung zu stellen. Übrigens: Aufgrund dieser Strategie habe ich aktuell – und hatte ich schon immer – ganz viel zu tun.

[Mit diesem Beitrag wird eine lange Artikelreihe anlässlich des 25. Jahrestags meines ersten Übersetzerabschlusses beendet. Es hat mir Spaß gemacht, Erinnerungen, Erkenntnisse und Beobachtungen festzuschreiben und ein bisschen über Vergangenheit und Zukunft des Berufs Übersetzer zu diskutieren. Falls Sie die anderen Artikel verpasst haben, finden Sie hier eine praktische Übersicht.]

Fabio Said, Portugiesisch-Übersetzer
Über den Autor
Fabio Said
Fabio Said ist juristischer Dolmetscher und Übersetzer für Portugiesisch, qualifiziert in Deutschland, England und Brasilien. Seit 1993 im Geschäft, spezialisiert auf die deutsch-brasilianische Bürokratie sowie hauptberuflich tätig für Gerichte, Notare, Behörden und Privatpersonen – mit Hunderten positiven Kundenbewertungen.

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